„Komm spiel mit mir!“ – Wie Eltern sich im Spiel mit ihren Kindern (wieder) verbinden

Kathrin Gastartikel Schreib einen Kommentar

 Anke Eyrich ist Mutter von 3 Nestlingen, Sozialpädagogin, Elternberaterin und Familientherapeutin und ihr Herz schlägt seit fast 20 Jahren für Aware Parenting – für bewusstes Elternsein! Zum Aware Parenting Instructor wurde Anke von Dr. Aletha Solter ausgebildet – bekannt ist Aletha im deutschsprachigen Raum durch ihr wunderbares Buch Spielen schafft Nähe – Nähe löst Konflikte*.

Anke

Und genau diesen besonderen Fokus auf das gemeinsame Spiel (Attachement Play) setzt Anke in diesem Beitrag. Denn durch Spiele helfen wir Kindern nicht nur, mit ihren teils starken Emotionen umzugehen. Es unterstützt sie auch dabei (wieder) fröhlich, zufrieden, kooperationsbereit und angstfrei am Leben teilzunehmen. Mehr Infos findet ihr auch auf ihrer Webseite Aware Parenting Institute Deutschland.

Euch wünsche ich nun viel Spaß beim Lesen und Umsetzen!
Eure Kathrin

„Papa, ich will spielen“ wie oft hören wir Eltern diese Bitte unserer Kinder? Sie laden uns zum Spielen ein, weil sie sich mit uns verbinden wollen. Und weil sie intuitiv wissen, wie wichtig dieses Verbinden, diese Bindung zu uns ist. Überlebensnotwendig – daher ihre unermüdliche Aufforderung zum Spielen.

Warum ist es auch für uns Eltern so wichtig, mit den Kindern zu spielen?
Im Spielen festigt sich unsere Bindung, sie repariert sich, wir Großen kommen zudem im Hier und Jetzt (der Kinder) an und so spüren wir uns wieder gegenseitig. Das ist nährend, entspannend und heilsam. Es gibt Sicherheit, das Hormon Oxytocin (unser Liebes- und Bindungshormon) wird ausgeschüttet und lässt uns alle gesünder leben und wachsen.

Nur – warum haben Eltern oft keine Lust zu spielen?

Diese Rückmeldung geben Eltern mir sehr häufig in Beratungen oder Seminaren zu Aware Parenting. Wenn ich nachfrage, erhalte ich die unterschiedlichsten Antworten:

„Ich bin zu müde!“ „Nach dem stressigen Tag auch noch spielen, das schaff ich nicht!“
„Kinder sollen doch alleine spielen können!“ „Ich komme mir dumm dabei vor, wenn ich mit meinem Kind spiele!“ 
„Ich spiele den ganzen Tag mit meinem Kind – und es ist immer noch nicht genug!“
„Kinder sollen doch (lieber) mit anderen Kindern spielen!“

Vielleicht findet der eine oder die andere von euch sich bei diesen Aussagen wieder. Kinder können uns regelrecht nerven mit ihrem „Spielen wollen“ und das Gefühl von zu müde oder keine Lust kenne ich auch noch gut – bis zu dem Zeitpunkt, als ich Attachment Play, also die Bindungsspiele aus dem Aware Parenting kennen lernen durfte.

Es war meine Rettung!

Plötzlich sah ich einen Sinn im Spiel mit meinen Kindern und ich fand nach und nach zum eigenen Spaß und Lachen beim Spiel mit ihnen zurück!

Mir wurde bewusst, dass ich um das Heilsame und Verbindende beim Spielen mit meinen Kindern nicht wusste. So hatte ich mich zuvor regelrecht durchs Spielen gequält. Mit den neun Bindungsspielen (siehe Spielen schafft Nähe) war ich überglücklich und habe schnell herausgefunden, welche Spiele auch mein Herz erfüllen.

Bindungsspiele entspannen den Alltag spürbar

Denn bei diesen Bindungsspielen ist ein anderes Spielen gefragt – eines, dass mir selbst auch gefällt (ok, nicht sofort, aber ich habe überraschend schnell hineingefunden). Ein Spiel, dass die Situation mit meinem Kind jetzt gerade aufgreift und unser Miteinander entspannt, weil es einen Ausweg zeigt aus verfahrenen Situationen. Beispielsweise habe ich während den Hausaufgaben mit meinem damals Zehnjährigen beim Aufsatz korrigieren auf jeden Schreibfehler mit einem gespielten Ohnmachtsanfall reagiert, anstatt mit diesem langweiligen und kritischen „da ist was falsch“! So mussten mein Sohn und ich immer wieder lachen und die Situation war entspannt.

Wenn Du das Spielen verstehst, macht es mehr Freude

Vielleicht ist dies die wichtigste Botschaft von Aletha Solter, dass wir uns selbst wieder wohl fühlen beim Spielen und auch erkennen, wie gut uns die Verbindung zu unserem Kind tut. Ich verstehe nun, warum ich genau den Anweisungen beim Rollenspiel folgen muss oder warum ich bei der Kissenschlacht nicht gewinnen darf. Meine Kinder können durch ihre Überlegenheit, durch ihr Gewinnen, die eigenen Ohnmachtsgefühle aus dem (stressigen) Alltag aufheben und wir kommen so wieder in ein kooperatives Miteinander.

Folge dem Lachen!

Das Lachen der Kinder über die Tollpatschigkeit oder Ungeschicktheit der Eltern steckt an und macht Lust zum Weiterlachen und Weiterspielen UND es entlastet die Kinder von Stress – die Eltern übrigens auch.

Ich selbst wurde dadurch angespornt, noch erfinderischer zu werden beim Ausdenken neuer Macht-Umkehr-Spiele und so entstand beispielsweise auch das Kicher-Kissen-Spiel. Bei diesem sind die Kinder mein Kopfkissen, auf welchem ich es mir gemütlich mache und jedes Mal erschrecke, wenn sich das Kopfkissen bewegt oder kichert oder einen Laut von sich gibt. Sie haben sich krumm gelacht und mein Herz ging wieder auf für sie.

Mein eigenes Aufgetankt sein beim Spielen!

Spielen tankt die Kinder auf und auch uns Großen. Allerdings geht Spielen für uns Erwachsene nur, wenn wir nicht auf absoluter Reserve laufen. Wenn unsere eigenen Kraftquellen nicht ausreichend gepflegt sind, haben wir verständlicherweise keine Lust mit unserem Kind zu spielen. Es ist, als ob wir zuerst alleine „spielen“ möchten, sprich uns den Dingen widmen, die uns gut tun und auftanken. Zum Beispiel alleine in der Badewanne liegen, ein gutes Gespräch führen, Tanzen oder raus in die Natur gehen, ein Buch lesen, in Ruhe kochen, und so weiter. Schaut also zuerst und möglichst regelmäßig nach euren Auftank-Möglichkeiten! Denn das schenkt euch die nötige Energie für gemeinsame Aktivitäten mit eurem Nachwuchs (siehe auch Sag Ja zu dir und Nein zu allem, was dich von dir entfernt).

Das Spielen nimmt kein Ende – wie damit umgehen?

„Meine Kinder finden kein Ende beim Spielen“ so empfinden es leider viele Eltern. Daher entlastet die Idee, dass Eltern nicht den ganzen Tag mit ihren Kids spielen müssen. Aletha Solter empfiehlt 15-20 Minuten (Timer stellen!) Spielzeit pro Tag oder mehrmals in der Woche, in der ein Elternteil vollständig im Spielen da und NICHT abgelenkt ist (also Handy/PC aus usw….). Diese feste Spielzeit reicht meist aus, um das Spiel- und Bindungsbedürfnis der Kinder aufzufüllen. Wenn diese Spielzeit regelmäßig wiederkehrt, sind Kinder nach kürzester Zeit bereit, sich auf den nächsten Tag zu freuen und viele Eltern erleben, dass die Kinder sehr schnell ausgeglichener und kooperativer sind im Alltag.

Welche Spiele sind wann hilfreich?

Als erste Regel gilt: es sollte allen Spaß machen – vor allem auch uns Großen. Es gibt aber Spiele, die hilfreicher oder beliebter sind bei den Kids als andere. Hier ein paar Beispiele.

Macht-Umkehr-Spiele

Kinder, die nicht gerne kooperieren oder gerade in einer „NEIN-Phase“ oder „Ich-will-aber-anders-Phase“ sind, spielen gerne Macht-Umkehr-Spiele. Bei diesem Spiel gehen wir Eltern bewusst in eine ohnmächtige, tollpatschige oder schwächere Rolle beispielweise beim Fangen oder beim Ratespiel. Das obige Kicher-Kissen-Spiel ist auch ein Macht-Umkehr-Spiel.

Wir Eltern verlieren bewusst oder sind überrumpelt, ahnungslos und geben dem Kind so im Spiel die unausgesprochene Botschaft: „Nun bin ich auch mal in der Verlierer-Rolle – die Schwächere und du die Stärkere. Du bestimmst über mich und ich sehe und erkenne an, dass dir das auch immer wieder so ergeht mit mir oder mit anderen Erwachsenen oder auch mit Kindern.“ Diese Haltung können Kinder sofort aufnehmen, weil sie die Sprache des Spiels noch sehr gut verstehen! Ihr Unterlegenheitsgefühl wird verstanden und sofort ausgeglichen. Es kommt etwas ins Gleichgewicht und in Frieden in ihnen.

Regression-Spiel

Wird ein Geschwisterkind geboren, so verfallen größere Geschwister sehr häufig in ein Babyverhalten. Sie sprechen wie ein Baby, wollen wieder getragen werden oder sogar eine Windel haben. Eltern sind ob diesem Verhalten oft überrascht bis genervt, dabei können sie dieses Verhalten als Einladung zu einem Spiel annehmen und mit dem größeren Kind 10-15 Minuten pro Tag Baby spielen. Es ist ein typisches Regression-Spiel, mit dem es sich Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern holen will und in seinen Worten in etwas sagt: „Mama, Papa habt ihr mich noch genauso lieb wie meinen kleinen Bruder? Bin ich euch noch genauso wichtig oder nur, wenn ich auch wieder ein Baby bin?“ Spielen die Eltern täglich dieses Babyspiel für einige Minuten bewusst mit, so antworten sie nonverbal ihrem Kind im Spiel: „Ja schau, wir hören dich und du darfst auch nochmals Baby sein. Wir lieben dich noch genauso wie dein neues Geschwister!“

Trennungs-Spiel

Haben Kinder Einschlafschwierigkeiten, so sind Trennungs-Spiele, wie Verstecken sehr hilfreich, weil das Spiel die Kids spielerisch und mit Lachen (und dadurch Stress- und Spannungsabbau) auf die bevorstehende Trennung durchs Einschlafen vorbereiten. Trennungsspiele sind auch für Kinder empfehlenswert, die sich schwer von den Eltern lösen oder eine (traumatische) Trennung erlebt haben, vielleicht direkt nach der Geburt. Hier kann man spielerisch beim Ausziehen am Abend antworten und aus dem Wegrennen des Kindes ein Versteck-Spiel machen: „Oh weh! Mein Kind ist weg. Was mach ich denn jetzt nur! Und finde ich das jemals wieder???“ Und beim Wiederfinden herrscht große Freude beim Papa /bei der Mama: „Oh, das bist du ja wieder – zum Glück hab ich dich gefunden!“ Das kann sich bei jedem Kleidungsstück, das ausgezogen werden muss, wiederholen! Ein wundervolle-heilsames Trennungs-Spiel!

Kinder laden uns ständig zum Spielen ein!

Wer die Botschaft des Attachment Play einmal verstanden hat, entdeckt plötzlich häufige Einladungen der Kinder – quasi den ganzen Tag. Und all die Situationen, die sich durch unser aktives Mitwirken spielerisch entschärfen lassen.

„Einige Eltern zögern, Spiele zur Lösung von Konflikten mit ihren Kindern einzusetzen, weil Erziehung für sie ein ernstes Thema ist und sie fürchten, dass ein spielerischer Ansatz das unerwünschte Verhalten nur noch verfestigt.“ schreibt Aletha in ihrem Buch Spielen schafft Nähe (S. 64). Das Gegenteil ist allerdings der Fall – das konnte ich nun viele Jahre in meiner eigenen Familie und in meinen Beratungen erfahren. Lassen wir uns einmal am Tag für einige Minuten auf die Spieleinladung ein, so entspannt sich der Familienalltag auf der Stelle.

Beispielsweise beim Socken-Tiefflug am Abend, der uns spielerisch ohnmächtig werden lässt durch ihren „Gestank“, oder wenn die Kinder Quatschwörter benutzen und wir mit einem Quatschwörter-Spiel antworten und uns beim Abendbrot krumm lachen, weil wir im Quatsch-Spiel Schuhcreme aufs Brot schmieren anstatt Marmelade.

Probiert die Bindungsspiele aus und erlebt selbst in eurem Familienalltag – wie ihr immer weniger Strafen androhen müsst, in der Form: „wenn du jetzt nicht … dann…“.

Erlebt wie Spielen verbindet und Lachen entlastet und seid euch bewusst, ihr müsst nicht den ganzen Tag spielen und auf alles spielerisch antworten – nur immer mal wieder und ich bin mir sicher – es wird auch bei euch wahrscheinlich ein „immer öfter“ daraus 😉

Eure Anke

 

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