Sage Ja zu dir und Nein zu allem, was dich von dir entfernt

Kathrin Elternsein Schreib einen Kommentar

Vor kurzem schlug ich einer langjährigen Freundin eine kleine Bitte ab. Sie reagierte „angepisst“ (ihr eigener Wortlaut). Ich war ziemlich überrascht und aufgewühlt. Das ging mir sehr nahe. Nicht nur weil ich ihr schon viele Gefallen getan hatte, sondern weil es mir diesmal wirklich nicht gut ging. Sie ohne die Hintergründe zu kennen, beleidigt losschoss.

Ja zu mir selbst und Nein zu anderen zu sagen, war und ist eine der größten und schwierigsten Lernaufgaben für mich. Ich traf mich mit Menschen, die mir nicht gut taten. Übernahm immer wieder Aufgaben anderer, obwohl ich selbst bis über beide Ohren zu tun hatte. Kaufte im Geschäft Sachen, die ich eigentlich nicht wollte (weil die Verkäufer so aufdringlich gut waren und ich mich nicht traute dagegen zu halten). Ich machte so vieles für andere und gegen mich – all das nur, weil ich nicht den Mut besaß, Nein zu sagen.

Ich schade mir selbst, wenn ich es allen anderen Recht machen will

Ich wurde streng dazu erzogen, die Bedürfnisse anderer über meine zu stellen. Wenn ich mich weigerte, gab es dicken Ärger oder Liebesentzug (siehe hier). Dementsprechend entwickelte ich den Glauben, nur dann wertvoll, gut, wichtig und richtig zu sein, wenn ich versuche, es anderen Recht zu machen. Oder andersrum: Ich dachte, andere halten mich für eine Egoistin oder herzlos, wenn ich Nein sage.

Es allen immer Recht machen zu wollen, hat aber drei große Haken:

  1. Ich arbeitete so permanent gegen mich. Ich machte oft Sachen, die ich gar nicht wollte. Oder machte Sachen nicht, die ich aber eigentlich gerne mochte. 


 Meine Entscheidungen waren nie frei, sondern getrieben von der Angst abgelehnt zu werden bzw. dem starken Bedürfnis zu gefallen.
  2. Sich um andere zu sorgen und zu kümmern ist wunderbar, aber ich habe mich an einem gewissen Punkt selbst verloren für die Forderungen und Erwartungen anderer, was zu körperlicher Erschöpfung und großer, innerer Unzufriedenheit führte.
  3. Es ist völlig unmöglich, es anderen immer Recht zu machen. Egal wie sehr wir uns bemühen, irgendwen „enttäuschen“ wir ganz bestimmt.

Nein-sagen-lernen

Kann mir bitte jemand von der Stirn ablesen, was ich brauche?

Ich traute mich nicht Nein zu sagen – meine Bedürfnisse offen auszusprechen – und ärgerte mich oft insgeheim darüber. Zudem wünschte ich mir, dass andere (z.B. mein Partner) sehen wie viel ich immer gebe. Wie fix und fertig ich manchmal bin. Dass sie meine Erschöpfung erkennen und mir unaufgefordert etwas abnehmen…

Doch weil ich nach außen hin immer stark wirkte und zudem nie den Mund aufmachte, passierte natürlich nichts. Außer, dass sich in mir noch mehr Frust aufstaute.

Warum fällt es mir so schwer, Nein zu sagen?

In der Regel erschweren uns alte, blockierende Gedankenmuster, zu uns und unseren Bedürfnissen zu stehen. Sogenannte falsche Glaubenssätze, die wir uns aufgrund unserer Erfahrungen in der Kindheit – durch Erziehung und Sozialisierung – angeeignet haben. Diese machen uns das Leben ganz schön schwer, weil wir sie als unumstößliche Wahrheiten in unsere Köpfe eingebrannt haben und sie zudem nicht als Ursache für unser Leid erkennen.

Inneres Kind: Die eigenen Gedankenmuster verstehen lernen

Das Erkennen und Benennen von solch „giftigen“ Gedanken und Gefühlen ist eine wichtige Voraussetzung, um besser auf sich selbst achten zu können. Das erfordert jedoch, dass wir uns aktiv beobachten und hinterfragen. Merken, dass unser Alltag aufgrund unserer „Programmierung“ komisch läuft. Und wir uns bewusst werden, dass wir Denk- und Verhaltensmuster im Gehirn abgespeichert haben, die sich gegen uns und unsere Umwelt richten.

Das Buch Das Kind in dir muss Heimat finden* hat mir übrigens sehr geholfen, meine persönlichen Kopfbarrieren aufzulösen. Das hier ist meine Auflistung alter Glaubenssätze nach einer konkreten Aufgabe aus diesem Buch.

inneresKind

Mögliche Glaubenssätze, die uns daran hindern, Ja zu uns zu sagen

  • Ich bin nicht wichtig! 
  • Meine Bedürfnisse interessieren niemanden. 
  • Wenn ich mich um mich kümmere, bin ich egoistisch.
  • Das tut man nicht.
  • Zuerst kommen die anderen dran.
  • Im Leben bekommt man nichts geschenkt. / Das Leben ist kein Ponyhof.
  • Ich muss mich zusammenreißen und darf meine Gefühle nicht zeigen.
  • Ich bin machtlos.
  • Ich bin nicht mutig genug.
  • Ich darf nicht meine Meinung sagen.
  • Konflikte sollte man lieber vermeiden.
  • Wenn ich Nein sage, enttäusche ich andere.

Doch solche Glaubenssätze haben nichts mit der Realität zu tun! Es sind keine Tatsachen, die wir als gegeben hinnehmen müssen. Wir dürfen sie hinterfragen: Ist das wirklich wahr, was ich gerade denke? Und Beispiele suchen, die das Gegenteil bekräftigen, denn es steht uns frei, unsere Gedanken in Aussagen umzuformulieren, die tatsächlich stimmen!

Ein Gefäß voller Lebensenergie: Ich bin wichtig!

Je mehr ich mich mit Persönlichkeitsentwicklung – meinem inneren Kind – auseinander setzte, desto öfter vernahm ich den Hinweis darauf, mich öfter an erste Stelle zu setzen. Mich wirklich gut um mich zu kümmern. Das war für mich zunächst sehr gewöhnungsbedürftig. Selbstliebe fühlte sich immer noch schräg an für mich. Doch dann fand ich eine einleuchtende Metapher, die mich verstehen ließ!

Stellen wir uns vor, unser Körper ist ein Gefäß voller Lebensenergie, aus dem wir schöpfen können. Für uns und für andere. Dabei ist es wichtig in Balance zu bleiben. Denn wenn wir immerzu geben, ohne uns aufzufüllen, sind wir irgendwann leer. Völlig erschöpft.

Fahren wir energetisch auf Sparflamme können wir immer noch jede Menge leisten, denn unsere Körper sind erstaunlich. Doch das treibt uns in immense Unzufriedenheit. In emotionale, körperliche und geistige Erschöpfung. Im schlimmsten Fall in den Burnout. Weil wir tun und machen, aber nicht erfüllt sind – im wahrsten Sinne des Wortes.

Sorgen wir jedoch regelmäßig für Energienachschub, indem wir unseren Bedürfnissen (nach Ruhe, Schlaf, gutem Essen, sozialen Kontakten, Freude & Spaß etc.) nachgehen, steigt unser Wohlbefinden. Je voller unser Gefäß ist, desto gesunder, wärmer und ehrlicher können wir geben – aus einer Fülle heraus, mit einem zufriedenen Grundgefühl.

Und da hat es bei mir Klick gemacht. Bei Selbstliebe geht es nicht darum egozentrisch die Ellenbogen auszufahren und ausschließlich auf mich zu schauen. Mitnichten! Verständnis, Fürsorge, Kümmern, Zuwendung – all das darf sein. Aber eben auch mir selbst gegenüber.

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Auch Mütter dürfen Ja zu sich selbst sagen!

Als ich im Frühjahr 2019 plötzlich anfing, regelmäßige Auszeiten für Yoga und Meditation einzufordern – mich ab und zu auszuklinken, damit ich ungestört (ohne die Nestlinge) spazieren gehen konnte – reagierte Thomas sehr skeptisch. „Was ist denn mit Dir los? Packst Du jetzt bald die Koffer?“ fragte er mich beunruhigt.

Ich lachte, denn ich konnte seine Verwirrung verstehen. Jahrelang hab ich es als selbstverständlich betrachtet, mich immer und ständig um alle Familienangelegenheiten zu kümmern. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal zum Sport gegangen bin. Hab mir nur sehr selten eine Auszeit genommen und dann eigentlich auch nur zum Schreiben. Alles andere hab ich mir nicht erlaubt.

Doch als ich Thomas meine Erkenntnis mit dem Gefäß voller Lebensenergie erklärte und dass dieses, neue Verhalten im Sinne der ganzen Familie ist – weil ich dann ausgeglichener bin und weniger motze – begann er zu verstehen. Je besser ich auf mich achte, desto gelassener und geduldiger kann ich mich um meine kleine Familie kümmern. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.

Wie setze ich gesunde Grenzen?

Es geht nicht darum in jeder Situation immer Nein zu sagen, sondern darum die eigenen Bedürfnisse und Wünsche gleichwertig zu betrachten. Genau hinzuschauen: Mit welcher Antwort fühle ich mich wirklich wohl? Bieten meine Rahmenbedingungen gerade den Raum für die Bedürfnisse und Wünsche anderer. Sind Kompromisse möglich? Oder ist ein klares Nein angebrachter?

Dann folgt die große Hürde, das Nein tatsächlich auszusprechen. Ehrlich zu sein, auch wenn es unbequem wird. Dabei helfen die Grundprinzipien der gewaltfreien Kommunikation: Bei sich, sachlich, empathisch und natürlich freundlich bleiben (siehe auch Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens*)

Die ersten Male erscheinen furchtbar unangenehm und schwer. Aber auch hier gilt, dass Übung den Meister macht. Und wir merken zudem, dass unser Umfeld in der Regel gar nicht so negativ reagiert wie wir es innerlich befürchten.

Eine gute Taktik ist übrigens auch, den Gesprächspartner um etwas Bedenkzeit zu bitten. Nicht sofort zu antworten. Vor allem dann, wenn er uns direkt gegenüber steht.

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Lernen, die Reaktion der Gegenseite auszuhalten

Allerdings kann es durchaus Gegenwind geben. Meine Nestlinge beispielsweise – zwei sehr starke Kinder – gehen nicht gerade zimperlich mit mir um, wenn sie ein Nein von mir hören. Verweigere ich etwas, kann das zu heftigen, tränenreichen und lautstarken Proteststürmen führen. Eine gute Gelegenheit für mich, um noch mal in mich zu gehen, ob mein Nein an dieser Stelle wirklich so wichtig ist und eine Planänderung gegebenenfalls möglich. Stehe ich jedoch dahinter, dann ihnen ihre Gefühle auch zu.

Niemand muss mit meinem Nein einverstanden oder glücklich sein. Jeder hat das Recht so zu reagieren, wie es sich für ihn oder sie richtig und gut anfühlt. Aber ich habe für mich gelernt, mir die Reaktion meines Gegenüber nicht anzunehmen. Denn sie hat nichts mit mir zu tun. Vielmehr mit den Erwartungen der jeweiligen Person an mich und wie sie es schafft, mit Nichterfüllung dieser umzugehen.

Bei meinen Kindern fällt mir das Aushalten relativ leicht, denn ich weiß, dass ihr Gefühlsrausch meist schnell wieder abflacht und sie noch viele Jahre üben müssen, bis sie ihren Frust nicht ungefiltert an mir auslassen. In der eingangs beschriebenen Situation mit meiner Freundin jedoch kämpfte ich zunächst stark mit meinen eigenen Emotionen. Ich war fassungslos und traurig. Doch dann wurde mir bewusst, dass ihre „Angepisstheit“ nicht mein Thema ist. Zwar furchtbar unangenehm, aber nichts, was mich davon abbringen sollte, mir selbst treu zu bleiben.

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Gesunde Selbstliebe ist eine lange Reise zu sich selbst

Ja zu sich zu sagen bedeutet übrigens auch, sich nicht für jedes Nein, das doch noch unwillentlich über die Lippen gerutscht ist, schlecht zu machen!

Veränderungen brauchen Zeit, Kraft und Mut. Oft fühlen sich die gewohnten Bahnen besser an, sogar dann, wenn damit Schmerz verbunden ist. Weil wir uns so an sie gewöhnt haben. Sie sind das, was wir schon unser Leben lang kennen. 

Das Nein-sagen ist eine Fähigkeit, die gerne wachsen darf – mit Liebe, Geduld und Zuversicht ❤️

In diesem Sinne fröhliches Ja-sagen!
Eure Kathrin

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