Babymassage – Berührung von Anfang an

Kathrin Gastartikel 1 Kommentar

Der zweite von insgesamt vier „Wochenbett-Adventssonntag-Gastartikeln“ stammt aus der Feder der zweifachen Mutter und Blog-Autorin Susanne Mierau (Geborgen Wachsen). Euch erwarten sehr spannende und informative Fakten zur Berührung und am Ende eine kleine, praktische Babymassage-Anleitung. Eine sehr gelungene Mischung für die ich Dir von ganzem Herzen Danke, liebe Susanne!

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Euch wünsche ich viel Spaß beim Lesen!
Eure Kathrin

Berühren und berührt zu werden ist wesentlicher Teil unseres Lebens. Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass ein Dasein ohne Berührung nicht nur nicht denkbar, sondern auch nicht machbar ist: Wir benötigen Berührung für eine normale und gesunde Entwicklung. Vom Anfang des Lebens bis zum Ende, als Baby ebenso wie als alter Mensch.

Die Haut ist unser größtes Körperorgan und gleichzeitig auch das Sinnesorgan, das schon bei der Geburt mit am besten ausgebildet ist. Anfangs kann das Baby noch nicht bestimmen, wo genau am Körper es eine Berührung spürt. Auch kann es noch nicht genau einordnen, ob es von einer anderen Person oder sich selbst gestreichelt wird. Aber es erfährt über Berührung und den Tastsinn viel mehr als über jeden anderen Sinn – und das von Anfang an.

Mit Hilfe des Tastsinns erfahren wir aber noch viele weitere Dinge: Er ist ebenso für die Temperaturwahrnehmung, das Schmerzempfinden und den Raumlagesinn zuständig. Zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens erhalten wir so wichtige Informationen darüber, wie und wo wir uns gerade befinden. Wir werden von Menschen berührt, berühren uns selbst, spüren Dinge an unserer Haut.

Zudem ist er auch für unser seelisches Empfinden von großer Bedeutung. Wir sprechen davon, dass uns „etwas berührt“, wenn wir emotional beteiligt sind, dass wir „etwas vom Hals haben wollen“, wenn wir Abstand benötigen. In unserer täglichen Sprache und unserem Tun verwenden wir die Berührung täglich, um Menschen unser Befinden mitzuteilen. Wir schließen andere in die Arme, um zu trösten und pusten über verletzte Hautstellen, um Schmerzen zu lindern. Beziehungen zwischen Menschen werden durch körperliche Nähe und den körperlichem Umgang miteinander ausgedrückt: Wer uns fremd ist, wird zunächst auf Abstand gehalten, wen wir kennen, lassen wir an uns heran. Und je näher uns eine Person steht, um so inniger gehen wir körperlich miteinander um. Und das wiederum festigt unsere Beziehung. Berührung ist aus unserem Leben einfach nicht wegzudenken.

Am Anfang ist es nur ein Reflex – Wie sich unser Berührungsempfinden entwickelt

Schon im Mutterleib ist der Tastsinn derjenige, der von allen Sinnen zuerst seine Tätigkeit aufnimmt (Hüther/Krens 2008, S.69). So kommt es, dass der Embryo schon fünfeinhalb Wochen nach der Zeugung Berührungen der Lippen oder Nase spüren kann (Elliot 2003, S. 187). Zu einem Zeitpunkt also, an dem viele Eltern noch nicht einmal wissen, dass sie ein Baby erwarten. Dass der Tastsinn so früh entsteht und schon am Anfang unseres Lebens so gut ausgebildet ist, zeigt, wie wichtig er für unsere Entwicklung und unser Leben ist: Nur was wirklich wichtig ist, wird von der Natur schnell und gut ausgebildet (Hüther/Krens 2008, S.70).

Vom Reflex zum komplexen Bewegungsablauf

Das Berührungsempfinden eines 5 Wochen alten Embryos ist noch nicht zu vergleichen mit dem eines Babys, Kindes oder erwachsenen Menschen. Das liegt daran, dass die Wahrnehmung der Berührung am Anfang noch auf der untersten Ebene des Zentralen Nervensystems stattfindet. Dieser Bereich ist für unsere lebensnotwendigen Fähigkeiten und Reflexe zuständig. Am Anfang sind es daher nur einfache Abläufe, die aufgrund von Berührung stattfinden: Der Embryo bewegt sich, wenn er eine Berührung spürt. Doch so wie sich das Berührungsempfinden rasant von der Mundregion über den gesamten Körper ausdehnt und Embryonen in der 12. Woche fast an ihrer gesamten Körperoberfläche Berührungsreize wahrnehmen können, entwickelt sich auch die Verarbeitung des Empfindens weiter. Ab dem 4. Monat werden langsame und gezielte Bewegungen ausgeführt und der Fötus beginnt, sich selbst zu berühren. Nach der 20. Schwangerschaftswoche etwa lutscht er dann am Daumen – eine Vorübung für das Leben außerhalb der Gebärmutter und zudem eine intensive und lustvolle Berührungswahrnehmung. Durch all diese Vorbereitungen ist es möglich, dass ein neugeborenes Kind die Berührung der mütterlichen Brust an seiner Wange spürt, den Kopf dorthin wendet und mit dem Saugen beginnt – ein komplexer Vorgang, der neun Monate Vorbereitungszeit benötigt (vgl. Eliot 2003, S. 188).

Erste Kommunikation durch Berührung

Doch nicht nur die Eigenwahrnehmung wird im Mutterleib ausgebildet. Hier findet über Berührung auch die allererste Kommunikation statt: Spürt die Mutter etwa ab der 17. Schwangerschaftswoche zum ersten Mal die Bewegung ihres Kindes, ist das der Beginn einer neuen Art von Kommunikation. „Ich bin hier“ sagen die Bewegungen. Im Gegenzug streicht die Mutter, der Vater oder ein Geschwisterkind über den Bauch: „Wir spüren Dich“. Das Kind empfängt Reize von Außen und reagiert auf sie (vgl. Gross 2003, S.53f.). Wächst das Kind und es wird allmählich enger in der Gebärmutter, werden auf beiden Seiten immer mehr Berührungsreize wahrgenommen. Ein Fuß, der gegen eine Rippe stößt, wird sanft mit einem Händedruck beruhigt. Das Stoßen des Babys wiederum kann bedeuten, dass Mama sich bei der Arbeit nicht so aufregen soll… Es sind die allerersten Formen eines Zwiegesprächs über die Haut und das Tastempfinden. Eine Kommunikationsform, die ein ganzes Leben lang bestehen bleiben wird.

Was hat das nun mit Bindung zu tun?

Wir unterscheiden heute zwischen Bonding und Attachment: Bonding bezeichnet die Bindung der Eltern an ihr Kind, wie sie sich emotional auf ihr Kind einlassen, es pflegen, ihm Schutz und Sicherheit geben (Brisch 2010, S. 21). Attachment bezeichnet die Bindung des Kindes an die Eltern , insbesondere das Verhalten, sich auf der Suche nach Sicherheit an sie zu wenden (ebd.). Die Bindungsbeziehung zwischen Eltern und Kind kommt dann durch emotionale Erfahrungen zustande, die das Baby mit den Eltern macht (ebd. S. 24). Je nachdem, wie Eltern sich dem Kind gegenüber verhalten, kann es zur Entwicklung unterschiedlicher Bindungstypen kommen, die Bowlby und Ainthworth beschrieben haben. Zur Entwicklung einer sicheren Bindung sind bestimmte Voraussetzungen günstig wie Feinfühligkeit, promptes Reagieren, Responsivität, sprachlicher Austausch über Gefühle und Handlungen, Blickkontakt – und eben auch feinfühlige und positive Berührungen.

Bei angenehmen Gefühlen, Körperkontakt, Massagen, Stillen, angenehmer Körperpflege, gemeinsamen schönen körperlichen Interaktionen werden die Liebeshormone Dopamin und Oxytozin ausgeschüttet (Burgdorf/Panksepp 2006). Oxytozin bewirkt Entspanung, ein Gefühl der sozialen Verbundenheit, mildert Ängste, senkt den Blutdruck, verringert den Kortisolspiegel, verbessert die Wundheilung, regt (Nerven-)Wachstum an (Uvnäs-Moberg 2006). Wird Oxytozin ausgeschüttet, fungiert es als Bindungshormon und wir fühlen uns dem Menschen uns gegenüber verbunden.

Schon im Mutterleib richtet sich das Baby auf die spätere Bindung und Interaktion aus. Und anders herum: Die werdenden Eltern stellen eine Bindung zum Kind her, die wir als „Bonding“ bezeichnen, und die sich nach der Geburt intensiviert. Was die Mutter fühlt und erlebt, wirkt sich auf das Baby aus. Dies betrifft einerseits die körperliche Ebene, wenn durch schlechte Ernährung ein Mangel entsteht oder durch einen schwankenden Blutzuckerspiegel die Veranlagung zu einer Diabetes weiter gegeben wird. Stresshormone wie Kortisol und Adrenalin gelangen zum Kind wie auch die gesamte Palette des Empfindens, wodurch das Baby auf das menschliche Gefühlsleben vorbereitet wird.

Geburt, Bindung, Berührung

Unter der Geburt ist das Bindungshormon Oxytozin wichtig: Es erzeugt und hält die Gebärmutterkontraktionen in Gang, die für die Geburt des Babys und der Plazenta notwendig sind und wirkt auch hier wieder als Bindungshormon. Untersuchungen haben gezeigt (Uvnäs-Moberg), dass der Oxytozin-Spiegel der Mutter direkt nach der Geburt höher ist als vorher, eventuell sogar der höchste ihres Lebens, was zur Ausstoßung der Plazenta, der Minimierung von Blutverlust und dem Aufbau der Bindung förderlich ist. Kann die Mutter nun ihr Baby ansehen, riechen und Körperkontakt aufnehmen, wird der Bindungsweg geebnet. Wird das Baby hingegen zuerst untersucht, gebadet oder gewogen, wird dieses Geschenk der hormonellen Bindungsunterstützung vergeudet. In anderen Ländern, wie beispielseise bei den Myky in Brasilien, darf die Mutter das Baby erst berühren, wenn der spirituelle Anführer bestätigt hat, dass es leben darf (Odent 2010, S.30). So wird Bindung erst dann unterstützt, wenn sie zukunftsfähig ist.

Vom Kopf bis zu den Zehen – hier gibt es was zu spüren

Vom Anfang des Lebens an kann das Neugeborene Berührungen wahrnehmen. Am ausgeprägtesten ist dabei nach wie vor die Empfindsamkeit um die Mundregion herum. Daher werden auch noch lange Zeit alle neuen Dinge zum Mund geführt: Es ist der Ort, an dem die Beschaffenheit und die Form eines Gegenstandes für viele Jahre am besten wahrgenommen werden kann. Selbst im Alter von 5 Jahren ist die Emfindsamkeit hier größer als an den Händen (Eliot 2003, S. 190). Das Schmerzempfinden und die Wahrnehmung von warm und kalt sind hingegen überall am Körper in etwa gleichermaßen ausgebildet.

Babymassage als Zugang und Förderung

Neben vielen anderen Möglichkeiten wie dem Stillen oder der körpernahen Flaschenfütterung, dem Tragen oder einfach Kuscheln bietet Babymassage daher einen guten Zugang, um Kontakt mit dem Kind aufzunehmen, es kennen zu lernen und es durch die hormonellen Aspekte durch Berührung positiv “fördern” zu können. Babymassage kann in einem Kurs erlernt werden oder auch zu hause durch eine Kursleiterin, die Hausbesuche anbietet. Zwar gibt es auch eine Vielzahl an Büchern, doch bietet sich der direkte Kontakt und Austausch immer an, um die Handgriffe genau gezeigt zu bekommen und in den Austausch kommen zu können.

Doch auch ohne große Anleitung kann eine Massage durchgeführt werden. Entspannend sind besonders alle Streichungen vom Körper weg zu den Gliedmaßen. Mit einem schönen Öl wie Mandelöl, Jojobaöl oder auch einfach einem Olivenöl kann das Baby massiert und gestreichelt werden. Die Beine sind oft ein guter Körperbereich, um mit der Massage zu beginnen, wobei das Bein zuerst massiert wird, das am weitesten vom Herzen entfernt ist. Wurden beide Beine sanft ausgestrichen, kann man sich dem Bauch zuwenden und sanft im Uhrzeiger mit einer Hand über den Bauch streichen. Anschließend wird die Brust von der Mitte zu den Schultern hin ausgestrichen. Auch die Arme wollen dann massiert werden: Hier werden zunächst die Achseln asugestrichen und eingeölt – so verbindet sich Babypflege mit entspannender Massage. Anschließend werden die Arme nacheinander von der Schulter zu den Händen sanft ausgestrichen und schließlich jeder einzelne Finger massiert. Wer mag, kann dazu einen kleinen Fingerreim aufsagen. Das Köpfchen wird als nächstes sanft mit beiden Händen umschlossen und mit den Fingern werden kleine Kreisbewegungen ausgeführt wie beim Haarewaschen. Ist das Baby danach immer noch für die Massage offen, kann in der Bauchlage auch der Rücken sanft vom Hals zu den Füßen hin ausgestrichen werden.

Eine solche kleine Massage kann täglich durchgeführt werden – oder auch Teile davon verwendet werden bei der Babypflege, beim Windelwechseln, beim Kuscheln. Jede achtsame Berührung ist für das Baby ein Genuss und bietet so viel Wunderbares, dass die Berührung fester Bestandteil des Tagesablaufes sein sollte.

 

Literatur

Alberti, B. (2007): Die Seele fühlt von Anfang an : Wie pränatale Erfahrungen unsere Beziehungsfähigkeit prägen. – 2. Aufl. München: Kösel.

Anders, W.; Weddemar, S. (2002): Häute scho(e)n berührt? Körperkontakt in Entwicklung und Erziehung. – 2. Aufl. Dortmund: Borgmann.

Brisch, K.H./Hellbrügge, T. (2008): der Säugling – Bindung, Neurobiologie und Gene. – Stuttgart: Clett-Kotta.

Eliot, L. (2003): Was geht da drinnen vor? Die Gehirnentwicklung in den ersten fünf Lebensjahren. – 4. Aufl. Berlin: Berlin.

Gross, W. (2003): Was erlebt ein Kind im Mutterleib? Ergebnisse und Folgerungen der pränatalen Psychologie. – Freiburg: Herder.

Hirscher, P.; Zwartjes, T. (2007): Wohltuende Babymassage. – München: Knaur.

Hüther, G.; Krens, I. (2008): Das Geheimnis der ersten neun Monate : Unsere frühesten Prägungen. – 6. Aufl. Düsseldorf: Patmos.

Spitzer, M. (2003): Lernen : Gehirnforschung und die Schule des Lebens. – Heidelberg, Berlin: Spektrum.

 

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  • Ein Super Artikel, liebe Susanne! Für alle, die es gerne genauer wissen wollen (wie ich), ein echtes Geschenk. Vielen herzlichen Dank dafür ♥ Liebe Grüße, Martina