Aggression: Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist, Jesper Juul

Kathrin für Eltern 10 Kommentare

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Das Buch Aggression* von Jesper Juul bewahrte mich letzte Woche davor eine „sanfte Auszeit“ einzuführen, wenn unser Mädchen ihre Spielkameraden wieder mal kneift, schubst oder schlägt (ich sah vor, sie für ein paar Minuten aus dem Spiel zu nehmen und neben mich zu setzen). Denn einerseits sind Aggressionen völlig legitime Emotionen, so Juul. Andererseits sollte jedes aggressive Verhalten als Botschaft verstanden werden. Vielleicht so:
Hallo existiert dort draußen jemand, der wünscht, meine Welt kennenzulernen, und der versuchen will, das Leben aus meiner Perspektive zu erfahren? Ich fühle mich in letzter Zeit nicht so gut und kann alleine nicht herausfinden, was sich machen lässt.

Aggression ist ein großes Thema in unserer kleinen Familie. Unser Mädchen teilt seit ihrem ersten Geburtstag ordentlich aus und während ich den Ursachen für ihr Verhalten auf den Grund ging, wurde ich mir meiner aggressiven Tendenzen bewusst (siehe auch „Aggressives verhalten beim Kind: Eine Selbstreflexion“ und „Aggressives Verhalten beim Kind: Familylab Familienberatung„). Obwohl ich bereits einiges über Aggressionen weiß und mein Leben ordentlich auf den Kopf gestellt hatte, half mir Juuls „Aggression“ – durch viele konkrete Beispiele und Tipps – noch einmal sehr im Umgang mit unserer Tochter.

Juul spricht zunächst über das in unserer Gesellschaft existierende Aggressionstabu. Unsere derzeitigen moralischen Maßstäbe sehen einen nichtaggressiven, zwischenmenschlichen Umgang vor. Das ist zwar grundsätzlich positiv, jedoch eine „menschenunmögliche Aufgabe.“ Weder Erwachsene noch Kinder schaffen es immer  lieb, freundlich und verständnisvoll zu sein, denn Aggression zählt (neben Liebe) zu den grundlegenden Emotionen, mit denen wir Menschen zur Welt kommen.

Dennoch wünscht sich unsere Gesellschaft nichts mehr als nette, höfliche und gehorsame Kinder und so verlangen wir von ihnen (wie von uns selbst), negative Gefühle zu unterdrücken, statt sie den Umgang mit ihnen zu lehren. Wer regelmäßig schubst und beißt, bekommt zudem einen Problemfall-Stempel aufgedrückt und wird häufig diskriminiert. Im wahren Leben ist uns das mit unserem Mädchen passiert und bei Facebook habe ich manches Mal still mitgelesen, als in äußerst aggressivem Ton (!) über sogenannte „AK’s“ (Aggro-Kids) gelästert wurde. Dazu Juul:
Wir erwarten, dass vierjährige [oder noch jüngere] Kinder in der Lage sein sollen, ihre Frustration auf einem intellektuellem Niveau auszudrücken. Der Großteil [der Erwachsenen] ist meist selbst nicht in der Lage, sich in der Ehe oder in anderen erwachsenen Liebesbeziehungen vernünftig zu verhalten.“ Wie wahr!

Anstatt kindliche Aggressionen zu hinterfragen – laut Juul gibt es immer einen guten Grund – reagieren wir (zu Hause, in Kindergarten und Schule) meist eingreifend, korrigierend und ebenfalls aggressiv (Strafe, Drohung, etc.). Das ärgert Juul, „weil es mit sich bringt, dass Familien und Institutionen den Kindern verbieten, um Hilfe zu rufen – und zwar in der einzigen Sprache, die sie gut beherrschen, wenn sie in Not sind.

Juul fordert auf, die Einladung unserer Kinder (egal wie aggressiv sie ausfällt) anzunehmen und unsere Denkweise und unser Verhalten zu ändern. Es ist wichtig Aggressionen zuzulassen und die Fähigkeit zu entwickeln mit ihnen umzugehen. Ein langwieriger Lernprozess für Eltern und Kinder.

Das einzige, was mich an diesem Buch stört, ist der manchmal nicht vorhandene Lesefluss. Einige Amazon-Rezensenten kritisierten die schlechte Übersetzung, vielleicht liegt es tatsächlich daran, aber das kann ich nicht beurteilen. Einige Stellen wirkten jedenfalls etwas langatmig und seltsam aneinander gereiht. Aber der Inhalt überzeugt.

Fazit:
„Aggression“ von Jesper Juul ist ein augenöffnendes Buch und ersparte unserem Mädchen glücklicherweise „Auszeiten“. Egal wie schwierig der Alltag mit regelmäßigen Wutausbrüchen und Attacken auch ist, mir ist es lieber unser Mädchen zu fragen, was sie wütend macht und ihr zu helfen, mit ihren Emotionen klarzukommen, anstatt sie für ihr Verhalten zu maßregeln und am Ende noch mehr negative Gefühle zu schüren. Im Buch fand ich gute Anregungen für Dialoge mit aggressiven Kindern und eine Bestätigung für meinen Weg Grenzen klar, aber respektvoll aufzuzeigen.
Ich hatte beim Lesen so manchen Aha-Effekt und verstehe nun z.B. auch meine eigenen Aggressionen besser.
Meines Erachtens ein sehr hilfreiches Buch für alle Eltern, Erzieher und Pädagogen.

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Aggression: Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist*

Aggression

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  • Berger

    Hallo Kathrin,

    wieder einmal großen Dank für deine Rezession, habe es mir gleich in der Stadtbibliothek reservieren lassen.
    Mach weiter so und weiterhin viel Erfolg mit eurer Tochter.

    Liebe Grüße

    Kim

  • Bee

    Schreibt er auch etwas dazu, wie ich mit Aggressionen von Kindern umgehe, die ich noch nicht zu den Ursachen fragen kann? Wir haben so einen Fall zu Hause (Zwillingsjungs, 20mon) und nicht nur sein Zwillingsbruder sondern auch wir leiden sehr darunter u wir fragen uns oft wie wir damit umgehen…

    • Also mir hat es sehr geholfen, denn obwohl unser Mädchen schon ein paar Worte reden kann, ist sie nicht in der Lage die Ursachen konkret zu benennen. Letztendlich es ist auch egal, ob es sich um ein einjähriges oder um ein 10jähriges Kind handelt. Aggressionen sind ein Zeichen dafür, dass sich das Kind aus irgendwelchen Gründen nicht wohl fühlt und Juul sagt klar: „Wenn Du Vater oder Mutter eines aggressiven Kindes bist, dann bereite dich auf eine Veränderung vor – in deiner Denkweise und deinem Verhalten.“ Denn es ist nicht nur wichtig, wie wir mit unseren Kindern umgehen, wenn sie aggressiv sind, sondern auch wie wir (Eltern) uns in unseren alltäglichen Beziehungen geben. Falls Du verstehst, was ich meine.
      Juul könnte auch deswegen interessant sein für Dich, weil er erklärt, dass Geschwisterkinder in den meisten Fällen unterschiedlich kooperieren.

  • Sabine

    Vielen lieben Dank, Kathrin! Ich werd mir das Buch definitiv anschaffen! (Habe gerade das Vorwort gelesen.) Es gibt mir bestimmt Anregungen künftige „Erziehungs-„, äh, Entschuldigung „Beziehungssituationen“ mit dem eigenen Kind zu meistern, als auch vor allem meine bisherige Arbeit als sogenannte „Sonderschullehrerin“ (grrr, allein das Wort!) zu reflektieren und ggf. neu zu justieren. Bis zum Neustart im kommenden Herbst hab ich dann vielleicht schon einen kleinen inneren Schatz angelegt. Vielen, vielen Dank!

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