Scheiß auf „Ei“!

Kathrin Geschichten 12 Kommentare

Unser Mädchen hat am Sonntag eine ganz schön dicke Lippe riskiert, oder treffender gesagt einen ganz schön dicken Fuß, schließlich kann sie nur nonverbal angreifen…

Die Vorgeschichte

Gegen Ende des ersten Lebensjahres verwandelte sich unsere zwar zurückhaltende, aber meist sehr freundliche Tochter in eine Skeptikerin. Ging ich mit ihr durch die Straßen, schenkte sie den Passanten nicht mehr nur ihr breites Lächeln, sondern zog nun immer öfter die Stirn in – für ihre makellose Babyhaut – verhältnismäßig tiefe Falten. Ganz die Mama, könnte man meinen.

Um den ersten Geburtstag herum ging sie dann volles Rohr in die Offensive: Kinder, die ihr absichtlich oder aus Versehen in die Quere kamen, warnte sie mit Zornesblick und einem kurzen, energischem Kopfschütteln, bevor sie blitzschnell den Zeigefinger ins Auge bohrte! Aber es blieb nicht nur beim Pieksen. Unser Mädchen schubste gelegentlich, zog an den Haaren oder griff mit der kompletten Hand so fest in Gesichter, bis die dicken Backen der armen Opfer komplett in ihrer Faust verschwanden. Das war höchst unangenehm! Für die malträtierten Kleinen und für mich!

Keine Gegenwehr

Ihre Spielkameraden wurden zunehmend vorsichtiger oder ergriffen die Flucht. Der Sohn einer Freundin versteckte sich sogar ängstlich unter einem Stuhl, als er unser Mädchen und mich in der Eingangstür erblickte. Aber nicht ein einziges Kind setzte sich zur Wehr! Also musste ich irgendetwas unternehmen, nicht nur um die Kleinen zu schützen und unser Mädchen zu sozialerem Verhalten anzuregen, sondern auch um einer lebenslänglichen Verbannung von allen Mamitreffs in Krefeld und Umgebung zu entgehen.

Ursachen der Überfälle

Gewissenhaft wie ich bin, versuchte ich erst einmal den Ursachen auf den Grund zu gehen. Ganz ehrlich? Ich habe bis heute keine Ahnung, was diese Angriffe tatsächlich zu bedeuten haben. Theorien gibt es natürlich viele: „Das ist eine Art der Kontaktaufnahme.“, „Sie ist sich nicht bewusst, dass sie Anderen weh tut.“, „Sie möchte mehr Aufmerksamkeit.“, „Sie testet ihre Grenzen.“, „Sie macht es nicht mit Absicht!“, „Sie verteidigt ihr Territorium, wozu auch wir Eltern zählen.“ und so weiter und so fort…

Mmmhh, heißt das übersetzt, sie runzelt ihre Stirn irrtümlich, bis eine tiefe Zornesfalte entsteht und fällt aus Versehen auf die Spielkameraden, denen sie (wenn sie schon einmal drauf liegt) bei der Gelegenheit ganz feste ins Gesicht packt? So alle 10 Minuten, ganz versehentlich? Oder ist sie tatsächlich schon so gerissen, dass mit exakt geplanten Manövern ihr Revier vor eroberungslustigen Feinden sichert und gleichzeitig Mama, Papa und sich selbst beschützt?

Was auch immer dahinter steckte, sie zeigte jedenfalls einen völlig neuen Charakterzug und ich musste etwas dagegen unternehmen, völlig egal was die Ursache war!

„Mach Ei!“

Das Repertoire meiner Reaktionen war so breitgefächert wie das Empfehlungsangebot meines Umfeldes. Ignorieren ging nicht, weil ich mich nicht gänzlich unbeliebt machen wollte und mir die geschundenen Racker echt leid taten. Ein „Nein“ im Zusammenhang mit einer Erklärung brachte rein gar nichts und Schreien ist nicht mein Stil.

Eine Alternativhandlung könnte vielleicht helfen und so nahm ich jedes Mal, sobald ein Angriff drohte, ihr kleines Händchen, deutete eine Streichelbewegung an und soufflierte „Mach Ei!“.  Änderte sie ihren Kurs und echote „Ei“, lobte ich sie natürlich dafür. Die betätschelten Kinder allerdings schauten misstrauisch. Zu Recht! Einige Male streichelte unser Mädchen sanft Köpfchen, lachte vergnügt, um dann – als sich die Kinder in Sicherheit wiegten und keiner mehr Böses ahnte – zum nächsten Schlag auszuholen. Ganz als wollte sie sagen: „Scheiß auf Ei!“

Ich war am Ende mit meinem Latein und hoffte insgeheim auf die Gegenreaktion eines Kindes, denn nichts prägt nachhaltiger als die eigene Erfahrung. Ich konnte ja nicht ahnen, wie schnell sich mein Wunsch erfüllen würde…

Hunde, die nicht bellen, beißen!

Zurück zum Sonntag. Wir vergnügten uns als Familie auf einem Krefelder Spielplatz, auf dem unsere Tochter nach wenigen Minuten ein neues Opfer an der Rutsche erspäht hatte.

Unser Mädchen lauert auf ihr Opfer (rechts im Bild).

Ein wirklich putziges Mädchen mit schwarz gelockten Haaren im Alter von etwa drei Jahren wurde mit einem vernichtenden Blick angepeilt. Unsere Tochter lief schnurstracks auf sie zu und schubste das verdutzte Mädchen. Der Lockenkopf blieb erstaunlich entspannt, aber unsere Tochter ließ nicht locker. In einem Zeitraum von etwa einer Stunde, ging sie immer wieder auf das Mädchen zu, blickte sie böse an und wurde handgreiflich. Ich war erstaunt wie gelassen die Große auf die Attacken reagierte. Da keine Gefahr drohte, griffen wir nicht ins Geschehen ein,  sondern beobachteten aus sicherer Entfernung.

Scheinbar von jetzt auf gleich wurde es dem fremden Mädchen allerdings doch zuviel. Die Hutschnur war ihr ganz offensichtlich geplatzt, denn nun eilte sie zum unteren Ende der Rutsche auf dem unsere Tochter saß. Ohne auch nur ein Wort gesprochen zu haben, packte sie ihre Haare und zog aus vollen Kräften daran. Die Augen unseres Mädchens weiteten sich enorm, aber sie blieb stumm wie ein Fisch. Der Schreck hatte sie wohl gelähmt. Leider! Denn die Große sah das als Aufforderung Plan B durchzuführen: sie beugte sich über ihren Fuß und biss feste zu. Die Augen unserer Tochter wurden nun noch größer! Viel, viel größer! Als das Mädchen nach einigen Sekunden den Kopf hob, war klar warum. Der Fuß unserer Tochter klemmte immer noch zwischen ihren Zähnen!

Die Bissspuren!

Unser Mädchen erwachte aus ihrer Schreckstarre, stieß einen Schrei aus, der durch Mark und Bein ging und wir hasteten zu den Kampfhennen. Sie tat mir unendlich leid! Sie weinte so bitterlich, ich konnte sie kaum trösten. An ihrem Fuß zeichneten sich die bereits geschwollenen Bissspuren ab und die Haut ringsherum verfärbte sich blau. Diese Lektion hat wohl gesessen!

Der Morgen danach

Am Montag war wieder ein Mamitreff. Unser Mädchen war diesmal lammfromm und reagierte nur in sehr wenigen Situationen, in denen es tatsächlich einen Grund für Verstimmung gab, mit einem Stirnrunzeln. Sie schmuste, statt zu schubsen und überraschte mich damit positiv. Entweder hat die Konditionierung von „Bäh“ auf „Ei“ etwas länger gedauert und erst nach vielen Wochen am Montag gefruchtet, oder die Lehrstunde vom Sonntag hat ihre sozialen Fähigkeiten etwas „geboostet“, wie man so schön sagt.

 

 

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