Zweifach-Mama: Vom Loslassen, Trennungsängsten und dem Vermissen

Kathrin Übers Elternsein 4 Kommentare

Kürzlich las ich diesen berührenden Artikel von Bella (Freiraumkind) – ebenfalls Mutter von zwei Kindern (7 Monate und 2,5 Jahre)– in dem sie schrieb: „Immer öfter und immer unerträglicher wird für mich das Gefühl für den Großen nicht mehr so wichtig zu sein. Es tut weh und ich vermisse ihn, obwohl wir jeden Tag zusammen sind…..“

Dieser Text schoss mir mitten ins Herz und hinterließ ein Stechen. Denn auch das Mädchen und ich, wir „waren 3,5 Jahre ein unschlagbares Team. Unzertrennlich! Jeden Tag verbrachten wir zusammen. Und seit ihr Bruder auf der Welt ist, hat sich vieles verändert!“ Drastisch geändert.

Erst drei Monate vor der Geburt des Knaben, ging sie in den Kindergarten – diese Vormittage ohne uns steckte sie problemlos weg. Dann kam der Bub zur Welt und sie musste mich plötzlich in weiteren Lebenssituationen entbehren: Nachts schlief sie mit Papa in unserem 2,80 Meter Familienbett, weil ich mit zwei Kindern an meiner Seite nicht schlafen konnte; An den Nachmittagen hielt ich oft den Bub im Arm oder an der Brust und wenn sie spielen wollte oder traurig war, geschah das entweder einarmig oder ich sah zu wie jemand anders meinen bisherigen Part übernahm.

Vom Loslassen

Das Mädchen akzeptierte andere Bezugspersonen, ja sogar schneller als mir lieb war. An manchen Tagen wollte sie nur an der Hand meiner Freundinnen laufen oder nahm nur von ihnen Hilfe an und ich stand daneben wie das fünfte Rad am Wagen. Das machte mich traurig, schließlich war sie doch immer noch mein Mädchen, aber ich wusste dass ich in diesen Situationen loslassen musste. Dass sie diesen Freiraum brauchte und es ihre Art war, mit all den Veränderungen umzugehen.

Blöde Mama!

Dann begann die Phase, in der sie den Kleinen ärgerte und uns beschimpfte. Beim kleinsten Nein unserseits waren wir „Kackamama!“ und „Blödmann!“. Ich fühlte mich wieder verletzt und reagierte teils sauer und wütend. Schimpfte ich zurück, dann weinte sie. Und zwar bitterlich.

Ich wusste genau, dass sie uns mit ihrem Verhalten etwas sagen wollte – so wie damals, als sie gleichaltrige Kinder attackierte (siehe „Aggressives Verhalten beim Kind“). Und es war mir natürlich klar, dass es etwas mit dem Bub zu tun hat, aber erst als ich mich etwas intensiver mit dem Thema Entthronung der Erstgeborenen beschäftigte, wurde mir bewusst, dass sie meine Liebe und Zuwendung mehr denn je braucht.

Liebe mich dann, wenn ich es am wenigsten verdient habe,
denn dann brauche ich es am meisten.
(unbekannt)

Emotionales Chaos

In den letzten Monaten war ich oft hin und hergerissen. Ich vermisste die innige Zeit mit dem Mädchen sehr, gleichzeitig genoss ich den neuen Babyduft. Ich war überglücklich zwei Kinder zu haben, dann plagte mich wieder das schlechte Gewissen. Die Momente, in denen sie dem Bub heimlich zuflüsterte „Ich hab Dich lieb“ erwärmten mein Herz und wenn sie protestierte: „Ich will nicht, dass er auf deinem Schoß ist“ zog es sich fest zusammen.

Klar versuchte ich das nicht persönlich und sie so oft wie möglich in den Arm zu nehmen. Ich zeigte ihr mit Worten und kleinen Gesten wie lieb ich sie habe und baute Zeitfenster ein, in denen nur wie beide etwas unternahmen. Doch Lieblingsbeschäftigungen wie stundenlang ungestört mit ihr Bücher zu lesen oder mit der Bahn ohne genaues Ziel einfach irgendwo hinzufahren waren nicht mehr drin. Da war es mehr als verständlich, dass sie sich beschwerte.

Komm bitte mit!

Aktuell stecken wir in einer ganz neuen Phase. Sie möchte nichts mehr ohne uns machen. Verlustängste, vielleicht?

Bei einem Kindergeburtstag hielt sie beispielsweise drei Stunden lang meine Hand, obwohl sie bereits viele Nachmittage ohne mich bei Freunden spielte. Als Omi sie für eine Übernachtung abholen wollte, schluchzte sie auf einmal: „Ich will nicht bei Oma schlafen!“. Und neuerdings will sie nicht in den Kindergarten, obwohl sie immer gerne und ohne eine einzige Träne zu vergießen, hinging.

Wir sind für Dich da!

Manche sagen: „Da muss sie jetzt durch!“ oder „Tränen gehören zu einem Abschied dazu“, wir versuchen sie jedoch aufzufangen und ihr die Sicherheit zu geben, dass wir sie begleiten, wann immer sie uns braucht.

Solche kleinen „Rückschritte“ bedeuten zwar immer einen zeitlichen Mehraufwand (sitzt Thomas an den Vormittagen mit ihr im Kindergarten, kann ich nicht arbeiten), aber sie bewies bereits so viel Stärke in ihrer neuen Rolle als große Schwester, dass wir sie nicht hängen lassen, wenn sie so ausdrücklich nach uns verlangt.

Außerdem fühlt es sich nach ihrem „Selbständigkeitstrip“ gut an, nochmal intensiver von ihr gebraucht zu werden. Und umgekehrt, geben wir ihr wahrscheinlich ein gutes Gefühl, wenn wir ihr in solchen Krisenzeiten den Rücken stärken.

Du fehlst mir

Denn es ist wie Bella schreibt:
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir das alles als Familie gut meistern. Dein Bruder und Du, Ihr seid mein Leben, und doch: Am Ende bleibt das Vermissen!“ 

 

Ein Nachtrag, weil in diesem Artikel ein paar entscheidende positive Einblicke fehlen:
Zweifach-Mama: Warum ich gerne Mutter von zwei Kindern bin

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  • Kathrin

    Hallo, ich habe Dir schon mal zu diesem Thema kurz nach der Geburt des Buben geschrieben. Wir haben auch 2 Kinder, 4,5 und 2 Jahre alt. Es war für unseren Großen auch eine gewaltige Unstellung, als seine Schwester kam, doch er hat auch einen Menschen hinzu gewonnen, der ihn auch bedingungslos liebt! Sie ist jetzt auch schon ein richtiger Spielkamerad für ihn geworden. Und er liebt es Ihr die Welt aus seiner Sicht zu erklären. Natürlich gibt es immer wieder Eifersucht (nun auch schon von beiden Seiten), sie zanken sich und mögen sich auch mal nicht. Doch im Großen und Ganzen überwiegt das Positive! Die beiden vermissen sich bei längeren Trennungen sehr. Der Große macht nämlich schon gern mal Ferien mit den Großeltern, was die Kleine noch nicht möchte, doch dann sammeln sie in der Zeit für sich gegenseitig Geschenke und fragen immer was der andere gerade macht. Ich denke unterm Strich schenkt man mit einem Geschwisterchen den Kindern mehr, als was man ihnen nimmt…

  • Lisa

    Liebe Kathrin, ich danke dir sehr!
    Auch bei uns gab/gibt es dieses Jahr viel neues.
    Ab Februar ging das große Tochterkind zwei mal die Woche alleine in eine Spielgruppe. Gerade richtig eingewöhnt, musste sie diese im Juli schon wieder verlassen.
    Im Mai kam ihr Bruder zur Welt. Plötzlich waren Papa und Oma für sie zuständig und nicht mehr Mama und Oma. Papa und sie kamen überhaupt nicht miteinander klar, sodass Oma alle Rollen übernahm, wären ich im Wochenbett war.
    Nach nur vier Wochen war Papa wieder weg. Dann bekam sie ein neues Bett und wird Abends immer ausgelagert (sie darf aber jeder Zeit zu uns kommen, was sie auch jede Nacht tut). Mitte des Monats feierten wir ihren dritten Geburtstag und seit einer Woche nun geht sie in die KiTa. Sie liebt es und zieht dem sogar Tagesausflüge mit Mama und Papa vor.
    Ich habe sie tagsüber und Nachts abgestillt, weil es mir zu viel wurde. Zum Einschlafen und Aufwachen darf sie an die Brust. Das würde ich aber auch gerne ändern.
    Und ihren geliebten Nuckel müsste sie eigentlich auch abgeben, sagt die Zahnärztin.
    Aber sie ist doch erst drei!
    Ich denke, ich werde ihr das Geliebte Stillen noch ein wenig lassen. Um unserer Nähe Willen. Diese Einsicht hast du mir nahe gebracht.
    Danke!

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  • Ich kenne das Gefühl des Vermissens auch so gut! Meine Tochter und ich waren auch ganz eng verbunden. Die Ankuft ihres Bruders kurz vor ihrem 3. Geburtstag änderte so vieles. Unser Alltag wurde chaotisch und es fielen Worte, die mir im Nachhinein leid taten. Ich nahm mir auch immer wieder Zeit für sie und redete mit ihr über die Veränderungen und entschuldigte mich auch manchmal bei ihr, wenn ich ungerecht war. Trotzdem kam immer wieder das Gefühl hoch, dass ich einen der Beiden im Alltag nicht gerecht werde. Jetzt sind meine Kinder fast 5 und gerade 2 und es hat sich sehr vieles eingespielt und beruhigt und es ist zuckersüß zu sehen, wie nett die beiden spielen können. Und dann kommen neue Herausforderungen: vermehrte Eifersucht, Geschwisterstreit, Wutanfälle…und der Weg von „Versuch und Irrtum“ geht weiter :-). LG Petra