Schlaflernprogramme: ein Blick hinter die Schreikulisse

Kathrin Schlafen 107 Kommentare

Es gibt eine Sache beim Thema Kindererziehung, die mir schwer zu schaffen macht und zwar, wenn Eltern ihre Babys bewusst stunden-, ja nächtelang schreien lassen, damit sie das selbstständige Ein- und Durchschlafen lernen. Das ist grausam und unmenschlich, doch der vermeintliche Erfolg sorgt dafür, dass diese radikale Methode dennoch beliebt bleibt.

Ich frage mich, ob Mütter auch so handelten, wenn sie wüssten, dass ihre Kinder dabei gar nicht das Schlafen, sondern das Schweigen lernen. Kinder, die erkennen, dass ihr Schreien bedeutungslos ist, lernen irgendwann ihre ausweglose Situation stillschweigend zu ertragen. Nur damit sie nachts ruhig sind, lassen wir sie weinend zurück. Warum tun wir das unseren Kindern an?

Warum Babys Schreien

Babys müssen rufen, wenn sie etwas brauchen oder stört, denn ihr Überleben hängt von der Hilfe anderer Menschen ab.

Bevor ein Baby richtig laut schreit, sendet es mehrere, kleine Signale. Wenn es beispielsweise hungrig ist, wird es unruhig, dreht den Kopf hin und her, beginnt zu schmatzen oder auf seinen Fingerchen zu kauen. Werden all diese Signale übersehen, schreit das Baby, damit jemand unverzüglich reagiert – damit es nicht verhungert.

Das Schreien ist also die einzige Möglichkeit für ein Baby sich unmissverständlich bemerkbar zu machen und dabei so kräftezehrend für den kleinen Körper, dass es zweifellos nicht aus Langeweile geschieht oder weil es Mama an der Nase herumführen will. Schreit ein Baby hat es IMMER einen Grund.

Warum Schreien lassen so schrecklich ist

Für Mütter

Fangen wir bei den Müttern an. 95% der Mütter haben kein gutes Gefühl, wenn sie ihr Kind schreien lassen sollen.[1] Das ist verständlich, denn die Natur hat es so eingerichtet, dass wir bei intensivem Kinderschreien in Stress geraten. Es löst in uns den starken Impuls aus, das Kind auf den Arm zu nehmen und zu beruhigen (zu stillen).[2] Dieser natürliche Instinkt mobilisiert uns augenblicklich und sichert so schon seit Urzeiten das Überleben unserer Kinder.

Lassen wir ein Kind vorsätzlich schreien, handeln wir wider die Natur. Das passiert entweder, wenn Mütter schlichtweg überfordert sind – in dem Fall ist Schreien lassen wohl besser, als aus dem Fenster werfen oder zu Tode schütteln. Oder aber, „wenn sie – aus irgendeinem Grund – daran glauben, es sei von Vorteil, es schreien zu lassen.“[3] Trifft letzteres zu, leiden Mütter oft so stark mit, dass sie aufgeben und ihr Kind doch trösten. Manche bezwingen allerdings ihren Instinkt hartnäckig, indem sie sich beispielsweise vom Partner einschließen lassen.[4]

Für Kinder

Schreien lassen schädigt das Gehirn des Kindes

Beim Schreien wird u.a. das Stresshormon Cortisol freigesetzt, das toxische Werte erreichen kann, wenn ein Kind lange Zeit schreien muss und dabei auch noch alleine gelassen wird.[5] Anhaltendes, ungetröstetes Weinen, wie bei Schlafprogrammen üblich, erhöht die Cortisolwerte dauerhaft. „Die Liste der längerfristigen Auswirkungen von zu viel Cortisol auf den Körper ist lang“ (siehe auch: „Wenn Babys schreien gelassen werden„). Es kann beispielsweise die Entwicklung des Gehirnes beeinträchtigen und zu „einer Anfälligkeit für Depressionen, Angststörungen und stressbedingten körperlichen Erkrankungen“ führen.[6]

Schreien lassen tut weh!

Ganz davon abgesehen, dass ein Kind nach einer durchbrüllten Nacht völlig geschafft ist, aktiviert intensives Schreien Schmerzschaltkreise im Gehirn, so dass es tatsächlich körperliche Schmerzen erfährt.[7] Außerdem verursacht Verlassensein großen, seelischen Schmerz. Diese zum Teil traumatischen Erfahrungen können sich immens auf das emotionale Empfinden eines Kindes auswirken.

Schreien lassen erschüttert das Urvertrauen

„Das Urvertrauen ist notwendig, damit das Kind […] Nähe zulassen und sich geborgen fühlen kann“ (siehe auch: „Urvertrauen„). Vertrauen kann allerdings nur entstehen, wenn eine oder mehrere Bezugspersonen schnell und zuverlässig auf die Bedürfnisse eines Kindes reagieren – wenn das Kind erfährt, dass ihm und seinen Gefühlen Beachtung geschenkt wird. Wird sein Schreien permanent ignoriert, verliert es nicht nur das Vertrauen in sich und seine Kommunikationsfähigkeit, sondern auch in seine Umwelt.

Schreien lassen gefährdet die Bindungsfähigkeit

Ist das Vertrauen eines Kindes erschüttert, kann sich das negativ auf die Beziehung zu seinen Eltern auswirken. Der britische Bindungsforscher John Bowlby betont in diesem Zusammenhang, dass die Art der Bindung, die ein Kind zu seinen Eltern eingeht, Einfluss hat auf alle Beziehungen, die es im späteren Leben knüpft.

Bowlbys Theorie besagt, dass das Bindungsverhalten im ersten Lebensjahr ausgeprägt wird. […] Tritt hier bereits ein schwereres Problem auf, so kann es auch in zukünftigen Bindungen zu Schwierigkeiten kommen“ (siehe auch: „Gefahr für die Mutter-Kind-Bindung“).

Schreien lassen verhindert einen gesunden Umgang mit Stress

Babys sind äußerst stressanfällig und kaum in der Lage sich selbst zu beruhigen – diese Fähigkeit entwickelt sich erst mit zunehmendem Alter.[8] Sie brauchen Mitgefühl und körperlich spürbaren Trost, denn dieser bewirkt u.a. die Ausschüttung des Hormons Oxytocin, welches wiederum hilft die überschüssigen Stresshormone abzubauen. Ständige, emotionale Zuwendung in Angst- und Stresssituationen hilft dem kindlichen Gehirn langfristig wirksame Stressregulationssysteme auszubilden.[9]

Bleibt dieser Trost jedoch aus, lernt das Kind nicht angemessen mit negativen Gefühlen umzugehen. „Das kann bedeuten, dass es später oft überreagiert, „sich bei jeder Kleinigkeit aufregt“, sein Leben in ständiger Sorge verbringt und/ oder die meiste Zeit ärgerlich oder aufbrausend ist.“[10]

Warum werden Babys ruhig, wenn man sie lange schreien lässt?

Weil die Natur für Notfälle dieser Art einen Schutzmechanismus parat hält.
Reagiert absolut niemand auf das Schreien eines Babys, „erlebt das Baby Gefühle von Todesangst und Panik.“ Es weiß nicht, dass es sich an einem sicheren Ort befindet – dass es heute keine Gefahr mehr (z.B. durch Fressfeinde) gibt. Durch diese vehemente Angst wird „das Nervensystem, das für Kampf und Flucht zuständig ist, erregt. Da der Säugling aber weder kämpfen noch fliehen kann, reagiert das Gehirn mit einer Art Notlösung.“[11] Das Kind erstarrt (ähnlich dem Totstellreflex bei Tieren) und wird ganz still oder es schläft vor Erschöpfung ein. „Es fällt dann in einen depressiven und traumlosen Schlaf.“

Warum empfehlen so viele Menschen das Schreien lassen?

Dafür muss ich ein ganzes Stück zurück in die Vergangenheit, denn aktuelle Aussagen wie „Schreien kräftigt die Lunge“, „Schreien lassen hat noch keinem geschadet“ oder „Lass dich nicht von deinem Kind tyrannisieren!“ sind Relikte früherer Zeit, die sich bis heute in die Köpfe eingebrannt haben.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts (Zeit der Industrialisierung) änderten sich die Lebensumstände der Menschen massiv und im Zuge dessen auch die Erziehungsphilosophie. „Die Erziehung diente damals in erster Linie der körperlichen und geistigen Gesundheit der Kinder [und] die Regeln für die Kindererziehung wurden immer strenger. […] Im Deutschen Kaiserreich (1871-1918) kam dann der endgültige Umschwung. Der Ton in den Erziehungsratgebern änderte sich drastisch. Er wurde gebieterisch und distanziert“ (siehe „Die Haarer ist Schuld„).

Dieser harte Erziehungsstil wurde von den Nationalsozialisten aufgegriffen und verbreitet. Zu den bekanntesten Büchern dieser Zeit zählt der damals führende Erziehungsratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ (J. Haarer). Die höchste Wertschätzung galt „einwandfreier Ernährung und tadelloser Reinlichkeit,“ ansonsten sollte ein Kind „vollkommen in Ruhe gelassen“ werden.[12] Gefühlsduseleien und Nähe waren absolut verpönt, Strenge und harte Führung gefragt.

Diese lieblose Behandlung galt selbstverständlich auch nachts und so finden wir klare Handlungsanweisungen für (laute) Nächte:

„Jeder Säugling soll von Anfang an nachts allein sein. Nun macht ja Kindergeschrei vor Mauern und Türen nicht halt. Die Eltern müssen dann eben alle Willenskraft zusammennehmen und […] sich die Nacht über nicht sehen lassen. Nach wenigen Nächten, vielfach schon nach der ersten, hat das Kind begriffen, dass ihm sein Schreien nichts nützt und ist still.“[13]

Es gibt zwei Dinge, die mich daran erschüttern. Erstens, dass bereits Neugeborene zu einer 8-stündigen Nachtruhe und zur Isolation gezwungen wurden. Zweitens, dass sich dieses Buch auch nach 1945 unter dem Titel „Die Mutter und ihr erstes Kind“ in fast jedem Haushalt der Bundesrepublik befand. „Die Publikation erreichte bis 1987 eine Gesamtauflage von ca. 1,2 Millionen“ (siehe auch „Johanna Haarer„). Dieser aus heutiger Sicht fürchterliche Pflege- und Erziehungsstil prägte demzufolge das Denken mehrerer Generationen (auch unserer) nachhaltig.

„Richtig gebettetes Kind“ Abb. 42 in „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ (1936).

„Es mag schwer zu glauben sein, doch wollten auch die damaligen Eltern nur das Beste für ihre Kinder. Wir sind heute in der Position, dieses „Beste“ als inhuman und inakzeptabel erkannt zu haben. Im Nachhinein lässt es sich leicht (ver-)urteilen, doch damals war das hochmodern und wissenschaftlich“ (siehe „Die Haarer ist Schuld„). Höchste Zeit diesen Irrtum richtig zu stellen.

Was ist ein Schlaflernprogramm?

Schlaflernprogramme oder auch Schlaftrainings sind verhaltenstherapeutische Maßnahmen, die Kinder das selbstständige Ein- und Durchschlafen lehren sollen.

Wenn man so will, sind Schlafprogramme eine Fortsetzung der Vorgehensweisen früherer Tage. Doch anstatt das Kind von der ersten Stunde an einfach abzuschieben, setzte man nun auf „kontrolliertes Schreien lassen“ nach Stoppuhr.

Ferber-Methode

Das Ursprungsmodell, die sogenannte Ferber-Methode, wurde von Dr. Richard Ferber, einem amerikanischen Kinderarzt, in den 80iger Jahren vorgestellt. Seine Theorie besagt, dass Kleinkinder besser schlafen, wenn sie ohne elterliche Hilfsmittel wie Stillen, Tragen o.ä. alleine wieder einschlafen.

Um diese Einschlafhilfen abzugewöhnen sieht er vor, das Kind nach einem Abendritual wach in sein Bett zu legen und das Zimmer zu verlassen. Beginnt es zu weinen, darf nicht sofort darauf reagiert werden. Ein festgelegter Zeitplan gibt den Eltern vor, wie oft und wie lange sie sich dem Kind nähern dürfen. Erlaubt sind beruhigende Worte und Streicheln. Füttern oder aus dem Bett heben ist untersagt. Die Zeitintervalle, in denen die Eltern nicht beim Kind sind, werden schrittweise verlängert (auf max. 30 Minuten), bis das Kind aufgibt und schläft. Das Programm wird an den darauf folgenden Tagen so lange fortgesetzt, bis das Kind ohne Protest von alleine ein- und durchschläft.

„Jedes Kind kann schlafen lernen“

So lautet das grandiose Versprechen des wohl bekanntesten Schlaf-Lern-Buches im deutsprachigen Raum von Kast-Zahn und Morgenroth (1995). Es greift die Ferber-Methode mit einem abgewandelten Zeitplan auf (max. 10 Minuten schreien) und versichert verunsicherten Eltern, dass ihre „Kinder mit 6 Monaten elf Stunden hintereinander schlafen können und nachts nicht mehr zu trinken brauchen.“[14] Bei solch verlockenden Äußerungen wundert es kaum, dass dieses Buch es binnen kürzester Zeit zum Bestseller schaffte.

Das irreführende an dieser Lektüre ist die Vermischung von richtigen Erkenntnissen über den Schlaf und unhaltbaren Behauptungen, z.B. dass späte und sättigende Mahlzeiten das Durchschlafen fördern. Die Theorien überzeugen, schließlich haben ein Kinderarzt und eine Diplom Psychologin „wissenschaftliche“ Beobachtungen zusammengetragen und der Leser bekommt durchweg das gute Gefühl vermittelt: „Sobald Ihr Kind die neue Schlafgewohnheit gelernt hat, geht es Ihnen und Ihrem Kind besser.“[15] Letzteres lässt sich kaum prüfen.

Ich bekomme allerdings ein wahnsinnig schlechtes Gefühl an den Stellen, an denen krasse Reaktionen auf das Schlafprogramm lapidar abgetan werden. Da ist z.B. Pascal, der sich mit 12 Monaten „fünfmal hintereinander den Finger in den Hals steckte und erbrach“. Laut Autoren benutze er „das Erbrechen als Mittel, um seinen Willen zu bekommen“ und so war es wichtig ihm dieses Verhalten schnell abzugewöhnen. Denn „hätte er damit Erfolg gehabt, wäre die Versuchung groß gewesen, es auch in Zukunft auf diese Weise zu versuchen.“[16] Wenn ich so etwas lese, wird mir richtig übel.

Gudrun von der Ohe fast treffend zusammen: „Dieses Buch ist eine traurige Widerspiegelung unserer Gesellschaft im Umgang mit den Kindern“.[17]

Die Kehrseite der Schlaflernprogramme

Warum sollten sich Eltern gegen ein Schlaflernprogramm entscheiden, wenn ihr Kind doch innerhalb kürzester Zeit friedlich alleine schlummern kann? Ganz einfach, weil diese Methode Kindern eben nicht das Schlafen beibringt. „Kinder wachen nachts nach wie vor auf, sie machen sich nur nicht mehr bemerkbar. Resignation ist kein Durchschlafen und aus psychologischer Sicht mindestens bedenklich“ (siehe auch „Babys schreien lassen zum Durchschlafen“).

Babys schlafen nicht durch!

Kinder haben wie Erwachsene im Laufe einer Nacht mehrere Schlafzyklen, in denen sich Tief- und Traumschlafphasen (REM-Schlaf) abwechseln. Alle Menschen, ob groß oder klein, wachen also mehrmals in der Nacht auf, nur bemerken wir Erwachsenen das kaum.

Kleinstkinder wachen allerdings leichter und zudem häufiger auf, denn der Leichtschlafanteil beträgt bei Babys zwischen 0-3 Monaten 45 – 50%  (bei Erwachsenen 20 –  25%) und „erst im Alter von 2-3 Jahren sinkt der hohe Anteil an REM-Schlaf auf das Niveau eines Erwachsenen.“[18]

Mit wachsender Reife sinkt der Bedarf an REM-Schlaf.
Bildquelle: http://www.jameda.de/gesundheits-lexikon/schlaf/

Dieses kindliche Schlafmuster ist also naturgegeben und nicht das Ergebnis schlechter Gewohnheiten (Tragen, Stillen, o.ä.), wie Schlafratgeber uns vermitteln wollen. Es lässt sich demzufolge nicht durch Schlafprogramme beeinflussen und das geben selbst die Experten der Schlaf-Lern-Bücher zu: „Ihr Kind wird zwar nach wie vor nachts wach. Es kann nun aber ohne Ihre Hilfe wieder alleine einschlafen.“[19] Ob ein Baby das tatsächlich kann, bleibt fraglich. Fakt ist, dass es alleine wieder einschlafen muss, denn Hilfe wird es wohl keine erhalten.

Kinder müssen das Schlafen nicht lernen

Bücher wie „Jedes Kind kann schlafen lernen“ vermitteln den Eindruck, dass sich Kinder unnormal verhalten, wenn sie mit 6 Monaten noch nicht durchschlafen und nachts die Anwesenheit ihrer Eltern wünschen. Das Kind müsse dann nur mit etwas Willenskraft von seinen Marotten befreit werden – es müsse das Schlafen nur lernen – und schon seien alle „Schlafprobleme“ passé.

In dem Artikel „Warum Babys nicht durchschlafen“ habe ich bereits ausführlich erläutert, dass nicht unsere Kinder ein Problem haben, sondern wir Erwachsenen bzw. unsere Gesellschaft. Unsere Kinder können schlafen, sofern wir ihnen die Rahmenbedingungen zugestehen, die sie für ein gutes Einschlafgefühl brauchen. Und dazu gehört nun mal körperliche Nähe. Zum einen, weil es genau wie Essen ein Grundbedürfnis ist und zum anderen, weil es unseren Sprösslingen spürbare Sicherheit verleiht, wenn sie aufwachen.

Weinende Babys sich selbst zu überlassen ist nicht artgerecht und führt deshalb zu unerbittlichen Kämpfen. „Wenn wir fordern, dass sie alleine schlafen, dann verlangen wir etwas, was ihren grundlegensten Instinkten widerspricht.“[20] Nur unter Tränen – wenn überhaupt – erreichen sie das Ziel. Das traurige dabei  ist, dass „ihnen nicht bei etwas geholfen wird, das sie lernen wollen, weil sie dazu bereit sind: sie haben einfach keine andere Wahl.“[21]

Schweigen ist nicht immer gold

Das Schreien eines Babys verstummt, wenn seine Bedürfnisse erfüllt werden oder es aufgibt. Auf letzteres zielen Schlafprogramme ab: solange durchzuhalten bis das Kind sich seinem Schicksal beugt. Doch ist es wirklich ein Erfolg, wenn ein Kind aufhört seine Bedürfnisse zu äußern? Wenn es schweigt, anstatt seinem natürlichen Instinkt zu folgen und nach seinen Eltern zu rufen?

Ein Baby, das nach einem erfolgreichen Schlaftraining nachts alleine in seinem Zimmer erwacht, hat nach wie vor Ängste und Bedürfnisse. Möglicherweise sogar noch viel mehr als vorher. Bestenfalls wird es erneut versuchen sich bemerkbar zu machen. Vielleicht wird es ihm aber auch gelingen, seine Gefühle (zumindest nachts) nicht mehr zu äußern. Ist es das, was wir wollen?

Es gibt keine Erfolgsgarantie

Besonders willensstarke Kinder können über sehr langen Zeitraum ausdauernd schreien, ohne dass der gewünschte Schlaferfolg eintritt. Sie lassen sich einfach nicht „ferbern“, sondern protestieren jedes Mal erneut und heftig(er). In diversen Foren gibt es Erfahrungsberichte von Müttern, die das Schreien irgendwann nicht mehr ertrugen und aufhörten. Ich fand allerdings auch viele Kommentare von Frauen, die sich gegenseitig mit ganz bizarren Tipps und Tricks (gegen Erbrechen oder Ohnmachten) ermutigten am Ball zu bleiben. Laut Kast-Zahn/ Morgenroth dauert es „nur in Ausnahmefällen länger als zwei Wochen“ bis Kinder „die neue Gewohnheit“ lernen.[22] Diese Aussage bestätigt, dass es Kinder gibt (wie viele bleibt unklar), die lange und verbissen kämpfen und das ist schlimm genug.

Erfolgreich „behandelte“ Kinder werden nicht selten in schwierigen Phasen (wie Zahnen, Krankheit, Umzug o.ä.) wieder „rückfällig“. Wer den Kurs beibehalten möchte, muss das Schlaftraining also immer wieder aufs Neue starten.

Bildquelle: http://www.beobachter.ch/familie/erziehung/artikel/bettzeit_einschlafen-ohne-traenen/

Jedes Kind ist einzigartig

Schlaf-Lern-Bücher sind keine Allheilmittel! Kinder sind zu individuell, als dass wir sie nach einer universellen Bedienungsanleitungen programmieren könnten. Manche Kinder brauchen extrem viel Nähe, andere bevorzugen ein eigenes Bett. Manche Babys schlafen schon von Geburt an durch, andere wachen jahrelang regelmäßig auf. Ob schneller Durchschläfer oder hibbeliger Daueraufwacher – Kinder sind gut so wie sie sind!

Es ist außerdem nicht vorhersehbar, wie Kinder auf Schlaflernprogramme reagieren. Was, wenn ausgerechnet dein Kind sehr stark unter dieser Methode leidet?

Hätten Schlafprogramme bei jedem Kind schnell und unkompliziert angeschlagen, gäbe es diese hitzigen Debatten um dieses Thema nicht!  Warum also eine Schlaftherapie riskieren, wenn nicht klar ist, welche Konsequenzen zu erwarten sind und ob sie überhaupt wirkt?

Ich kenne Schlafmangel

Ich weiß genau wie anstrengend und nervenaufreibend Schlafmangel sein kann, denn mit unserem Mädchen habe ich schon unzählige, schlaflose Nächte durchlitten und heute (mit zwei Jahren) schläft sie immer noch nicht durch. Manchmal war ich total frustriert und hab sie (und Thomas) genervt angemault. Ab und zu habe ich probiert, sie nicht durch die Wohnung zu tragen (etwas, wonach sie ausdrücklich verlangt, wenn es ihr richtig schlecht geht) und habe sie stattdessen einige Minuten auf meinem Schoß weinen lassen. Doch dann weinte sie nur noch heftiger.
Und wenn sich dieses kleine, wimmernde Häufchen Elend dann erleichtert an mich klammerte und schnell beruhigte, wenn ich sie fest in meinen Armen hielt und trug, wusste ich genau, sie macht es nicht um mich zu ärgern, sondern weil sie wirklich etwas plagt.

Ich sehe es als meine Aufgabe Zeit und Geduld aufzubringen, damit sich unsere Tochter ganz in ihrem eigenen Tempo entwickeln kann. Damit sie sich auch nachts sicher und geborgen fühlt. Das ist je nach Arbeitspensum und Anzahl an schlaflosen Nächten nicht immer einfach, aber eben auch nicht unmöglich.

Schlussgedanke

Ich gehe davon aus, dass Schlaflernprogramme nicht angewendet werden, um Kindern bewusst Leid zuzufügen. Vielmehr ist es die Verzweiflung, die langanhaltender Schlafmangel mit sich bringt oder der Glaube, es sei das beste für alle Beteiligten.

Es wird einem Baby sicherlich nicht schaden, wenn es ein paar Minuten meckern muss, weil Mami noch essen oder sich einfach mal kurz ausruhen möchte. Weinend allein gelassen zu werden und zwar über längeren Zeitraum, wirkt sich jedoch negativ auf die Entwicklung und seelische Gesundheit aus – in diesem Punkt ist die Forschung einig.

Es ist sehr verlockend Kinder zum  „selbstständigen Schlafen“ zu erziehen, schließlich scheint es oft zu klappen. Doch warum dem Kinde etwas unter Tränen und Stress (für alle Beteiligten) abverlangen, was es mit etwas Ausdauer und Gelassenheit ganz von alleine schafft?

Eine Antwort darauf habe ich nicht. Bei meiner Recherche zu diesem traurigen Thema bin ich jedoch auf diese wundervollen Worte von William Sears gestossen, die viel mehr als nur eine Antwort sind:

„Vertraue deinem Kind – vertraue darauf, dass es schreit, weil es ein Bedürfnis hat. Vertraue dir selbst, wenn du fühlst, dass Du auf das Schreien eingehen musst. Vergiss nicht, dass es eine Person ist, die weint.“[23]

Weitere Links

Bergsterman.de: „Seit wann müssen Kinder das Schlafen lernen?
(Es geht um die Entstehung von Schlaftrainings.)

Geborgen Wachsen: „Wenn Babys Schreien gelassen werden – was passiert in Babys Körper

Geborgen Wachsen: „Familienschlaf: darauf kann ich achten um mit Baby Schlaf zu finden

Rabeneltern: „Die Hauptkritikpunkte am Bestseller „Jedes Kind kann schlafen lernen“ und am sogenannten „Ferbern“

Lüpold Sibylle: „Kinder brauchen uns auch nachts – Warum Schlafprogramme nicht empfehlenswert sind

Und hier noch unser Video „Ein kleiner Selbstversuch“ nach Eva Solmaz‘ „Besucheritze“:

 


 

 

Footnotes    (↵ returns to text)
  1.  Sears, William: Schlafen und Wachen (2005), S. 77.
  2.  Lüpold, Sibylle: Ich will bei Euch schlafen(2007), S. 24.
  3.  Lüpold, Sibylle: Ich will bei Euch schlafen(2007), S. 25.
  4.  Kast-Zahn/ Morgenroth: Jedes Kind kann schlafen lernen (2003), S. 102.
  5.  Sunderland, Margot: Die neue Elternschule (2006), S. 40.
  6.  Sunderland, Margot: Die neue Elternschule (2006), S. 42.
  7.  Sunderland, Margot: Die neue Elternschule (2006), S. 38.
  8.  Sunderland, Margot: Die neue Elternschule (2006), S. 45.
  9.  Sunderland, Margot: Die neue Elternschule (2006), S. 27.
  10.  Sunderland, Margot: Die neue Elternschule (2006), S. 27.
  11.  Solmaz, Eva: Besucherritze (2013), S. 29.
  12. Haarer, Johanna: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind (1934), S. 160.
  13. Haarer, Johanna: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind (1934), S. 166.
  14.  Kast-Zahn/ Morgenroth: Jedes Kind kann schlafen lernen (2003), S. 103.
  15.  Kast-Zahn/ Morgenroth: Jedes Kind kann schlafen lernen (2003), S. 163.
  16.  Kast-Zahn/ Morgenroth: Jedes Kind kann schlafen lernen (2003), S. 99.
  17.  Dr. med. Gudrun von der Ohe, Ärztin, Still- und Laktationsberaterin IBCLC, Hamburg
  18.  Sears, William: Schlafen und Wachen (2005), S. 20.
  19.  Kast-Zahn/ Morgenroth: Jedes Kind kann schlafen lernen (2003), S. 21.
  20.  Lüpold, Sibylle: Ich will bei Euch schlafen(2007), S. 11.
  21.  González, Carlos: In Liebe wachsen (2005), S. 163.
  22.  Kast-Zahn/ Morgenroth: Jedes Kind kann schlafen lernen (2003), S. 93.
  23.  Sears, William: Schlafen und Wachen (2005), S. 81.
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  • Vielen Dank für diesen tollen Beitrag! Ich hoffe er wird vielen Eltern (aber auch z.B. der „älteren Generation“) die Augen öffnen!

    • Ich hoffe das auch so sehr, Nadine!

    • Hanna

      Das ist ja alles ganz nett, und vor 2,5 Jahren haette ich auch zugestimmt aber nach 2,5 Jahren schlafloser Naechte und frueher morgende bin ich an dem Punkt wo ich mein Kind am liebsten gegen die Wand schmeissen moechte wenn es mich noch einmal anschreit.

      Ich hoffe stark das schreien lassen das Gehirn nicht zu sehr schaedigt den in den seltenen Faellen in denen ich mein Kind schreien lasse waere die alternative Mord.

      Ich weiss nicht woher alle anderen Muetter die Kraft nehmen ohne schlaf zu existieren, ich kann nicht mehr.

      Ich bin an dem Punkt angelangt an dem ich absolut alles probieren wuerde um zu verhindern das mein zweites Kind mich auch nicht schlafen laesst.

      Also wenn hier jemand eine WIRKSAME Methode kennt wie ich mein Baby (11 Monate) dazu bringe im eigenen Bett zu schlafen (am besten ohne meinen Busen) dann bin ich ganz Ohr

    • Puh, das hört sich nicht gut an. Dein Kind hat in 2,5 Jahren keine einzige Nacht ruhig geschlafen? Oder ist die Situation so schlimm weil Du zwei Kinder hast? Wie genau sehen die Nächte denn aus? Unser Mädchen ist auch 2,5 Jahre, aber es zeichnet sich seit ein paar Monaten eine starke Tendenz zum Durchschlafen (5-6 Stunden am Stück) ab. Ich brauche mehr Details um die Situation besser beurteilen zu können. Wie schlaft ihr? Wann wacht Dein Kind/ Deine Kinder auf? Hast Du Unterstützung? Etc. Falls Du die hier nicht auflisten möchtest, können wir auch gerne per E-Mail (kathrin@nestling.org) weiter kommunizieren.
      Es gibt ein sogenanntes sanftes Schlafprogramm nach Gordon (siehe hier: http://www.rabeneltern.org/index.php/wissenswertes/schlafen-wissenswertes/1221-besser-schlafen-im-familienbett?showall=1), aber keine Garantie, dass Dein 11 Monate altes Baby anschließend immer im eigenen Bett durchschlafen wird.
      Übrigens kann keine Mutter monatelang ohne Schlaf existieren. Viele Frauen und so auch ich, schlafen beim Stillen mit dem Kind einfach wieder ein. Bei uns gab es extreme Phasen mit sehr wenig Schlaf, in denen ich auch den einen oder anderen düsteren Gedanken hegte, aber zum Glück auch immer wieder Erholungsphasen, in denen unser Mädchen friedlicher schlief oder ich einfach 20Uhr mit ins Bett gekrabbelt bin. Bekomme ich heute zu wenig Schlaf liegt das meist daran, dass ich viel zu spät (nach 00Uhr) ins Bett gehe…

      Ich wünsche Dir jedenfalls erstmal viel Kraft! Ganz liebe Grüße
      Kathrin

  • Katja

    Ich bin genau deiner Meinung. Leider habe ich die „Ferber-Methode“ einmal bei meiner Tochter ausprobiert. Mit dem Ergebnis, dass sie in ihrem erbrochenem eingeschlafen ist. Nach der vorgegebenen zeit bin ich ins Zimmer und habe mir meine schlafende Tochter Gaus den Arm genommen und sie die ganze Nacht nicht mehr losgelassen… Meine Tochter hätte genauso gut erstickt sein können…
    Sie ist mittlerweile fast 3 und schläft seit knapp 2 Wochen durch :-)
    Ich denke viele grade ältere Menschen haben das immer noch so im Kopf und leider geben sie das noch immer weiter :-(
    Daher danke für diesen Beitrag
    Und zum Anschluss etwas das ich mal gehört habe…

    Genießt die Baby Jahre, sie gehen so schnell vorbei und sind im Vergleich zum Rest des Lebens nur eine sehr geringe Zeitspanne :-)

    • Mir schossen die Tränen in die Augen als ich Deinen Kommentar las. Das ist unfassbar traurig und schön zugleich. Schön, weil Du das Programm nicht, wie empfohlen, einfach durchgezogen hast. Das ist wunderbar!

  • Jasmin

    Hallo Kathrin,

    Meine Tochter ist 21 Monate und hat noch nie durchgeschlafen. Sie schläft bei uns im Zimmer, schläft in meinem Arm ein, schläft dann die halbe Nacht in ihrem Bett ( steht direkt neben mir) und die andere Hälfte dann zwischen uns.. Wir finden dass in Ordnung und solange dies so ist, bleibt das auch so.. Schreien lassen geht gar nicht, auch wenn es manchmal viel Kraft und Geduld erfordert.. Ich bin 100% deiner Meinung und Dein Beitrag ist nur noch mal ne Bestätigung, was mein Bauch mir sagt.. DANKE

  • Linde

    Ich finde schreien lasse ganz furchtbar. Mir blutet dabei das Herz. Bei uns kommt es meist garnicht soweit zum schreien weil ich auf seine Signale achte. Auch wenn ich nicht Stille werde ich trotzdem
    Meist vor ihm wach und merke schon wenn er sucht und Hunger hat.

    Auf dem Flohmarkt habe ich eine Frau kennengelernt die ihren Sohn das Schlafprogramm eintrichtert seit er 8 Wochen Alt ist. Heute ist er 16 Monate. Und er schläft immer noch nicht durch. Und wir waren 3 Muttis die familienbett praktizieren, die mit Ruhe und Entspannung unsere Kinder erziehen. Und wir haben die entsetzt angeschaut.

    Ich beobachte oft in der Nacht den Schlaf meines Sohnes. (Bei und bin ich die jenige die schlecht schläft ) und sehe wie er sich hin und her dreht und auch mal mich anschaut ob ich noch da bin. Und ganz auffällig wenn der Papa von der Arbeit kommt merkt er es sofort. Aber meist reicht über Wange streicheln oder Händchen halten und er liegt wieder ruhig da.

    Ich liebe mein Kind und genau deswegen kann ich es nicht schreien lassen

  • Pingback: Heute darf hier jemand Anderes zu Wort kommen. | Emmas Wunderwelt()

  • Dem gibt es nichts hinzuzufügen!
    Sehr toller Artikel, den ich weiter teilen werde. Es gibt nämlich noch so viele Menschen, in deren Köpfen das verankert ist.
    :-(

    Immer wenn ich von solchen Schlafmethoden höre wird mir ganz schlecht.

  • anne

    ich konnte den artikel gar nicht bis zu ende lesen, es wurde einfach immer trauriger…
    hoffentlich lesen ihm möglichst viele eltern und großeltern und überdenken ihr verhalten gegenüber babys und kleinkindern noch einmal. es ist einfach so unfair, was sich kleine menschen gefallen lassen müssen, weil sie einfach klein sind.
    bitte weiter viele tolle artikel schreiben, die dann hoffentlich viel geteielt werden und so viele leute erreichen!
    lg, anne

  • Lea

    Einfach nur DANKE!!!

  • Liebe Kathrin, vielen Dank für Deinen Beitrag zu diesem Thema. Ich habe schon immer nur auf mein Verstand und Herz gehört und bin froh, dass ich kein Schlaflernprogramm
    („durchschalfkur“ das Buch einer skandinavischen Autorin) bei meiner ersten Tochter angewendet habe. Kinder wissen es besser als wir Erwachsene, was sie brauchen. Und nicht umsonst hat die Mutter Natur uns Eltern mit diesen tollen Instinkten ausgestattet.
    Nochmal danke, toll gemacht!

  • Hochinteressanter Betrag, Respekt. Doch irgendwas stört mich. Ich wurde zwar damals auch schreiend liegen gelassen aber ich äussere dennoch meine Bedenken – mein Wille wurde also nicht vollkommen und nachhaltig gebrochen! 😉
    Frage: Was ist denn mit den Müttern, die einfach nicht die Möglichkeit haben, 3 Jahre am Bett zu sitzen, weil sie aebeiten müssen oder einfach noch andere Kinder zu versorgen haben? Kann denn diese Dauer-Kuschel-Nummer bei z.B. Drillingen funktionieren? Schlechte Eltern sind das bestimmt auch nicht!?
    Ich für meinen Teil denke, dass die Wahrheit wieder mal in der Mitte liegt: Natürlich hol ich meine 2jährige Maus ins Bett oder kuschel mit ihr, wenn sie schreit. Aber wenn das zu häufig wird, muss ich was dagegen tun, denn sonst liegen bald alle bei mir im Bett. Auf der anderen Seite kann es doch auch nicht normal sein, dass ein Kind NUR schlafen kann, wenn es auf meinem ausgestreckten nach Süden ausgerichteten und genau 45x in der Minute schwingenden linken Arm einschlafen kann? Hier würde ich eher zu der Meinung tendieren, dass ein das Kind auf der Nase rumtanzt.
    Dennoch, mich hats zum Überlegen gebracht, also Soll erfüllt. Eine Antwort auf meine erste Frage hätte ich doch gerne! :-)

    • Marei

      In dem Beitrag steht ja nichts davon, dass man seine Bedürfnisse vollkommen vernachlässigen muss: Die Eltern sollen und müssen auch gut schlafen und ausruhen dürfen. Es wird einfach nur erläutert, dass Schlafprogramme eben nicht dem Kind beibringen „wie schlafen funktinioniert“, sondern dass (nachts) die Hilferufe nichts bewirken und sie auf sich gestellt sind.

      Dein Kommentar klingt für mich so, als würde es ein Mittelding gar nicht geben, also entweder man probiert es mit dem Schlafprogramm oder man kann nie mehr (genug) schlafen (, bis das Kind 3 Jahre alt ist) und muss so lange nächtelang am Bett des Kindes sitzen. Aber eigentlich liegt doch die Realität bei den meisten Kindern irgendwo dazwischen… Sie schlafen längere Zeit am Stück, aber eben nicht unbedingt die 7-10 Stunden, die man vielleicht als Erwachsener gern hätte. Und wenn dann ein Zahn kommt, oder sie krank sind oder einen sehr aufregenden Tag hatten, klappt es eben besser oder schlechter mit dem Durchschlafen. Da sind doch einfach alle Menschen unterschiedlich (ist bei Erwachsenen ja nicht anders…). Klar gibt es Ausnahmen, aber wenn man sich die oben beschriebenen Hintergründe mal vor Augen führt, muss man sich doch schon fragen, ob so ein Schlaflernprogramm z.B. bei einem Schreibaby so uneingeschränkt empfehlenswert ist (und ob es überhaupt funktionieren wird…)

      Wenn z.B. die Drillingsmama ihre Kinder dadurch beruhigen kann, dass sie für sie singt, oder mit ihnen spricht – wunderbar, dann braucht sie weder acht Arme, noch ein Schlaflernprogramm. Und wenn das Kind von der arbeitenden Mama besser (durch)schläft, wenn es im gleichen Zimmer sein kann, dann ist doch beiden damit gedient, ohne dass sie ein Schlaflernprogramm ausprobieren muss.

      Schlechte Eltern sind das bestimmt nicht, denn sie denken ja (mitunter gegen den eigenen Instinkt), dass sie das Schlaflernen gerade für ihre Kinder tun müssen – denn so sagen es einem ja oft die eigenen Eltern oder Großeltern oder auch andere sicher wohlmeinende liebe Menschen. Aber vielen Eltern wäre sicher auch sehr damit geholfen, wenn sie wüssten, dass es normal ist, dass Kinder nicht so früh durchschlafen und dass es ihnen trotzdem gut geht. (Dazu gibt es ja auch einen Artikel, hier auf dem Blog, der oben im Beitrag verlinkt ist).

    • Erst einmal Danke! Und danke auch an Marei, Deine Antwort hätte von mir sein können 😉

      Zu Deinen Fragen Andy: Ich kann Dir darauf keine pauschalen Antworten geben, weil jede Situation und jede Familie individuell ist.
      Ich arbeite beispielsweise auch (zwar in flexiblen Zeiten, aber dafür sehr oft bis spät in die Nacht) und gehe dennoch jedes Mal zu unserem Mädchen bis sie sich beruhigt hat, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es gut für sie ist und dass sie es braucht. Ich bin gerne für sie da und es macht mir nichts aus, auch wenn ich es natürlich klasse fände, wenn sie jede Nacht 11 Stunden durchschliefe. Was für ein Traum!

      Da wir uns ein 2,80m breites Bett teilen, kann jeder von uns gut schlafen – das ist unsere Lösung. So muss ich nicht unnötig aufstehen und sie beruhigt sich schnell durch meine Anwesenheit, falls sie aufwacht. Übermüdet bin ich eigentlich nur, wenn ich zu spät ins Bett gehe, aber das ist ja „meine Schuld“. Unser Mädchen benötigt auch keinen „nach Süden ausgerichteten und genau 45x in der Minute schwingenden linken Arm“, obwohl ich die Vorstellung (in der Theorie) lustig finde. Sie braucht lediglich meine Nähe und die darf sie gerne haben. Die Zeit nehme ich mir, auch wenn ich manchmal nicht weiß, wie ich meinen Arbeitsberg bewältigen soll.
      Das Familienbett ist nicht jedermanns Sache, kann ich verstehen. Da gibt es sicherlich einen Mittelweg, der die Bedürfnisse aller Familienmitglieder einbezieht (dazu auch mein Familienbettartikel).

      Beim Thema Schreienlassen gibt es für mich allerdings keine Mitte, sondern nur einen Weg: „Lasse Dein Kind NICHT schreiend alleine zurück“.
      Warum sollen unsere Kinder ausbaden, dass wir überfordert sind? Das ist nicht fair. Es gibt verschiedene Möglichkeiten die Rahmenbedingungen zu ändern, doch darauf gehe ich ausführlich in den nächsten zwei Artikeln ein, weil das den Rahmen dieses Artikels gesprengt hätte.

      Nichtsdestotrotz sind Kinder (auch nachts) „anstrengend“ – das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Kinder haben ein emotionales Grundbedürfnis nach Nähe und Geborgenheit (am Tage wie in der Nacht) – sie tanzen uns nicht auf der Nase herum!

      Dazu ein schönes Zitat von Dr. Katherine Dettwyler (Ernährungswissenschafterin und Anthropologin, Texas):
      „Wir können die normalen Bedürfnisse der Kinder als ‚schlechte Angewohnheiten‘ oder ‚Manipulation‘ etikettieren, und wir können unser Verhalten gegenüber den Kindern mit allen möglichen, sorgfältig durch- dachten kulturellen Überzeugungen rechtfertigen. Wie auch immer, nichts davon ändert die essentielle biologische, physiologische und emotionale Veranlagung der Kinder mit der Erwartung geboren zu sein, von den Armen der Mutter gehalten zu werden, neben ihr zu schlafen, und tagsüber und auch nachts nach Bedarf gestillt zu werden – weit über die ersten Jahre hinaus.“

  • Blue-Moon

    Also beim Schlaflernprogramm nach Kast Zahn werden Kranke oder zahnende Kinder auch nicht schreien gelassen. Ich halte es auch für fahrlässig sein Kind schreien zu lassen, aber es gibt definitiv grenzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Kinder bis sie drei sind oder länger bei uns im Bett schlafen oder in unsrem Zimmer. Unsere Partnerschaft würde drunter Leiden. Sex neben den Kinder ist bei uns nicht drin.
    Außerdem empfinde ich gewisse Regeln und Grenzen auch im Kleinkindalter als angemessen und diese Programme helfen nun mal verzweifelten Eltern, die seit langem keine ruhige Nacht mehr hatten. Ist die Bindungsperson über den Tag hinweg für das Kind ansprechbar, erreichbar und erfüllt seine Bedürfnisse angemessen und promt sollte das Bindungsverhalten durch Schreiprogramme auch nicht gestört werden. Meine Meinung.

    • Das ist richtig und ich habe auch nicht das Gegenteil behauptet, sondern lediglich darauf hingewiesen, dass viele Kinder nach Krankheiten o.ä. Ausnahmesituationen wieder rückfällig werden und das Schlafprogramm erneut gestartet werden muss.
      Es ist nicht wichtig ein Kind im eigenen Bett schlafen zu lassen, ich kann verstehen, dass das nicht jeder möchte. Meiner Meinung nach ist es aber wichtig, ein Kind nicht über langen Zeitraum alleine schreien zu lassen und nach anderen Lösungen zu suchen. Anregungen gibt es bald in einem neuen Artikel.
      Wie und in welchem Ausmaß das Bindungsverhalten gestört wird, ist von vielen Faktoren abhängig. Da gibt es keine mathematische Gleichung nach der wir berechnen können, wie viel oder wenig Zuwendung gut oder schlecht ist. Fakt ist, dass Kinder in den ersten Lebensjahren eine zuverlässige Bezugsperson brauchen – am Tage wie in der Nacht.

      Den Eltern wird vielleicht „geholfen“, doch was ist mit den Kindern? Warum heißt es immer „die armen Eltern“, warum nicht „die armen Kinder“? Wir sind als Eltern stärker und gefestigter und können viel mehr aushalten. Wir reden hier von einem Zeitraum des Babyalters, der im Verhältnis zum restlichen Leben kurz ist, jedoch starke Prägungen für das ganze Leben setzt.

    • Tabea

      Wir haben unsere Kinder nie schreien lassen.

      Für uns war eine tolle Lösung, unseren beiden älteren Kindern (2 und 4) ein großes Bett 180×200 ins Zimmer zu stellen (im Hinblick auf unseren Jüngsten (4 Monate) wäre jetzt ein noch breiteres Bett gut…):
      So können wir uns zum ins Bett bringen zu den Kindern legen, haben aber auch unser Bett für uns (also, sobald der Kleene – mit etwa einem Jahr – nicht mehr gestillt wird und bei den anderen im Zimmer schläft).

      So schlafen wir alle besser.

      Wenn eins der Kinder nachts aufwacht, hören wir das durch die offenen Türen und sind sofort da. Es ist ganz selten, dass sie nachts zu uns rüber kommen, aber wenn, ist das völlig in Ordnung.

      Da ich unter der Woche allein mit den Kindern bin, bin ich sehr dankbar, wieder deutlich tiefer schlafen zu können.

      P.S. Wir haben anfangs ein Dinkelspreu-Stillkissen (schwer) zwischen den beiden gehabt, damit mein Ältester (damals 2 1/2) nachts nicht auf seine Schwester (damals 1) draufgerollt ist. Aber mittlerweile ist sie groß genug, um ihn ggf. wieder wegzurollen und oft kuscheln die beiden sich im Schlaf aneinander.

  • Anne

    Ich frage mich immer,wie die Eltern beurteilen können,dass das Kind vom Schlafprogramm „keinen Schaden “ bekommen hat?
    Ganz oft wird dies erst viel später sichtbar .
    Die Kinder werden rückfällig,das Programm ,muss immer wieder durchgeführt werden-hat es dann gewirkt?
    Mich würden wirklich mal Langzeitstudien zu diesem Thema interessieren.
    Außerdem kann man es doch wohl kaum als hilfreich bezeichnen,wenn mein Kind über Stunden schreit und dann plötzlich verstummt.
    Wie entspannt kann ich denn dann schlafen?
    Zum Thema Sex,kann ich nur sagen:es gibt doch wohl nicht nur das Bett ?wäre ja auf Dauer auch ziemlich langweilig.
    Eltern sollten versuchen für sich Lösungen zu finden,um entspannt und ausgeglichen zu sein.ich bin gespannt auf deinen Artikel,Kathrin!
    Mein Chefin meinte mal zu mir:“Es sind nur 10Jahre wenig schlafen,dann wird es besser!“
    10 Jahre?da war ich doch etwas erschrocken!
    Aber sie hat recht,ich erinnere mich noch gut,dass ich auch noch ab und zu im grundschulalter das Bett meiner Eltern besucht habe oder durch kranksein,meine Eltern vom schlafen abgehalten habe!

    Schön und tröstlich ist es zu wissen,dass es allen Eltern und Kindern mal so geht!

  • Anne
    • Im Prinzip ist Gordon’s Programm ja ein nächtliches Abstillprogramm (bzw. Entwöhnen von nächtlicher Nahrung), wenn ich das richtig verstehe!? Ich finde gut, dass Gordon nächtliches Stillen & das Familienbett auch über das 1. Lebensjahr hinaus gut heisst und nur empfiehlt etwas zu ändern, wenn die Eltern das wirklich wollen. Ich finde gut, dass er darauf hinweist: „es ist nicht einfach, es ist nicht in kürzester Zeit getan und es wird für einige Nächte laut und herzzerreißend sein… oder auch für ein paar Nächte mehr.“ Und mir gefällt an seinem Programm, dass Kinder in der Zeit der Veränderung nicht alleine gelassen werden. Dass sie weiterhin durch die Anwesenheit der Eltern (streicheln, erzählen etc.) beruhigt werden sollen.

      Als Stillberaterin, kann ich der Aussage „Einjährige können ohne weiteres sieben Stunden (oder mehr) ohne Nahrung auskommen“ allerdings nicht zustimmen. Das lässt sich so nicht verallgemeinern. Manche Kinder lassen sich sehr viel Zeit mit der Beikost und bevorzugen auch nach dem 1. Lebensjahr Muttermilch als Sattmacher. In Phasen, in denen unser Mädchen feste Nahrung verweigerte und dafür (auch nachts) viel stillte, war ich sehr froh darüber, da ich mich nie sorgen musste, ob sie genug Nahrung erhält…

      Ich würde dieses Programm nur empfehlen, wenn die Eltern am Rande der Verzweiflung sind und der Leidensdruck so stark ist, dass sie ein schreiendes Kind im Arm gut aushalten können Es liest sich zwar gut, aber aus eigener Erfahrung weiß ich wie heftig der Protest eines Stillkindes sein kann, wenn die Milchbar ganz plötzlich geschlossen bleibt.

  • ich finds schlimm wenn schlafprogramme schon so zeitig angefangen werden.
    Das Kind wurde gerade frisch aus dem wohlbehüteten Bauch der Mama gerissen. Die große Welt drischt auf das kleine zarte Baby ein. Es weiss garnicht wie ihm geschieht. Und dann schreit es nach Mama … Mama kommt nicht, weil Mama ein Baby will das 12h schläft. Also steht Mama vor der Tür, gegen ihren Instinkt. Das Kind schreit und schreit, es fühlt sich wie in einem schwarzen Loch. Ganz ehrlich, dann sollen sie die Babys lieber pucken!

  • Susan

    Ich habe das Buch von der Kast-Zahn gelesen und in die Ecke geworfen. Ich fand es unglaublich kalt und herzlos. Mein Kind war damals ein Schreikind, das lange, laut und ausdauernd gebrüllt hat und sich nur mit Stillen hat beruhigen lassen. Die Zeit hat unglaublich geschlaucht. Aber es geht vorbei! Mit einem Jahr hat Sohnemann von einem Tag auf den anderen geschlafen, mit etwa zwei Jahren hat er die ganze Nacht geschafft. Mit vier hat er alleine geschlafen – und zwar auf eigenes Verlangen.
    Und wie gefährlich das Schreienlassen ist, haben wir am eigenen Leib erfahren: Das Kind hat gebrüllt und wir haben vergessen, das Babyfon einzuschalten. Als wir es endlich gehört haben und raufgegangen sind, haben wir festgestellt, dass der Kleine krebsrot und glühendheiß war und kurz vor dem Kollaps stand, weil sich sein Schlafsack zu sehr aufgeheizt hat (Ich habe die Temperatur falsch eingeschätzt, da ich immer sehr friere, Sohnemann aber nicht.) Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn wir uns angewöhnt hätten, ihn schreien zu lassen!
    Und an Papa Andy: Ich kenne eine, die hatte DREI(!) schlaflose Kinder. Die Kleine ist mittlerweile zweieinhalb und schläft nicht durch. Die Ärmste hat seit gut sechs, sieben Jahren nicht mehr richtig geschlafen, aber sie käme nie auf den Gedanken, auch nur eines der Kinder schreien zu lassen. Da krebst man sich lieber durch den Alltag.

    • Oh, krasse Geschichte! Vielen Dank, dass Du Deine Erfahrungen hier teilst!