Pränataldiagnostik – Fluch oder Segen?

Kathrin Erfahrungen, Übers Elternsein 34 Kommentare

„Sie können zwischen der 15. und 18. Schwangerschaftswoche eine Fruchtwasseruntersuchung durchführen lassen, wenn Sie möchten. Diese gibt Ihnen einen möglichen Hinweis auf Fehlbildungen, Chromosom- oder Erberkrankungen ihres Babys“, informierte mich eine Arzthelferin routinemäßig zu Beginn meiner ersten Schwangerschaft (2011). Was genau ich in dieser Situation entgegnete, weiß ich heute nicht mehr. Allerdings kann ich mich noch an die langen Unterhaltungen mit Thomas im Anschluss an diese Information erinnern und unsere bewusste Entscheidung, sie nicht in Anspruch zu nehmen.

Risiko Fruchtwasseruntersuchung

Zunächst hatte ich ernsthafte Bedenken, mir eine lange Punktionsnadel durch die Bauchdecke, durch die Gebärmutter und die Fruchtblase stechen zu lassen, um an das für die Untersuchung nötige Fruchtwasser zu kommen. Doch wesentlich bedenklicher fand ich die Gefahr, mein Baby durch die Punktion zu verlieren. Denn das Risiko, dass bei der Fruchtwasseruntersuchung eine Fehlgeburt ausgelöst wird, war für mich in etwa genau so hoch (wenn nicht sogar höher), wie das Risiko, ein Kind mit einer Chromosomen-Anomalie zu bekommen.

„Nach der Risikoermittlung für eine 35jährige (ich war damals 31 Jahre) findet sich in der 16. SSW ein statistisches Risiko für Trisomie 21 von 1/246. (Snijders et al, 1994). Das Abortrisiko beträgt 0,5 bis 1 %, d.h. 1/200 bis 1/100. […] Für eine 28jährige liegt das Risiko für eine Trisomie 21 bei 1/768. Das Abortrisiko übersteigt damit sehr deutlich das Erkrankungsrisiko des Feten“ (siehe auch „Chromosomenstörungen in der Schwangerschaft“).

Warum sollte ich also eine Untersuchung durchführen lassen, bei dem ich ein wahrscheinlich gesundes Baby (es war meine erste Schwangerschaft, es gab keine genetische Vorbelastung in unseren Familien und die Ultraschallbilder zeigten nichts Auffälliges) in Gefahr bringe? Das kam für mich nicht in Frage.

Massive Fehldiagnosen

Von meinen Bedenken und den Risiken abgesehen, las ich damals im Internet von verschiedenen Diagnosen (Wasserkopf, offener Rücken, Gen-Defekte usw.), die sich nach der Geburt als falsch herausstellten. Ich las von Frauen, die sich trotz auffälligen Befundes für ihr Baby entschieden und am Ende der Schwangerschaft eine „gesunde Überraschung“ erleben durften.

Zur Bandbreite der sogenannten pränatalen Diagnostik gehören neben den invasiven Methoden (Fruchtwasseruntersuchung/ Chorionzottenbiopsie) auch nicht-invasive Methoden wie die Nackentransparentmessung und der Triple-Test (siehe „Pränatale Diagnostik – Alles was sie darüber wissen müssen“). „Doch all diese Tests geben nur eine Risikoeinschätzung und keine endgültige Diagnose!“ 

„Ein auffälliges Untersuchungsergebnis muss nicht bedeuten, dass das Kind wirklich krank oder behindert ist. Vor allem bei den nicht-invasiven Untersuchungen im ersten Schwangerschaftsdrittel kommt es immer wieder zu falschen Ergebnissen: beim Ersttrimester-Screening in etwa vier Prozent der Fälle.

Ein weiteres Problem: Bei allen Untersuchungen wird nur eine Wahrscheinlichkeit berechnet. Es kann noch gar keine eindeutige Diagnose gestellt werden. Dabei gilt aus medizinischer Sicht schon eine Wahrscheinlichkeit von nur 0,25 Prozent als „auffällig“ (siehe „Was tun bei einem auffälligen Befund?„).

Ein bewegendes Beispiel 

Den für mich ergreifendsten Fall schilderte eine Bekannte weit nach meiner ersten Geburt. Ärzte ließen sie in dem Glauben, ihr Kind würde noch in der Schwangerschaft (spätestens wenige Wochen danach) sterben. Sie diagnostizierten Trisomie 18 – eine unheilbare Krankheit. Sie beschloss ihr Baby dennoch auszutragen, aber stellte sich bis zum Ende der Schwangerschaft auf die Geburt eines toten/ nicht lebensfähigen Kindes ein. Sie war wochenlang voller Schmerz und Trauer, nahm innerlich Abschied.  Zur Welt kam ein kerngesundes Kind, dem es an nichts fehlte…

Passend dazu fand ich ein Zitat aus einem ähnlichen Erfahrungsbericht (Karl, Diagnose Trisomie 13, gesund geboren im Jahr 2006):
„Ich würde mir […] mehr Menschlichkeit und mehr Respekt und Vertrauen in das für uns noch unsichtbare Leben wünschen! Und vielleicht sollte man sich eingestehen, dass nicht alles messbar und kontrollierbar ist.“

Nach diesen Geschichten fragte ich mich wie vielen gesunden Kindern aufgrund von auffälligen Befunden wohl die Chance auf ein Leben genommen wird. Wie viele gesunde Kinder wohl sterben müssen, weil sie „aller Wahrscheinlichkeit nach“ nicht gesund sind. Ein trauriger Gedanke…

Illusion der Garantie auf ein gesundes Kind

Es gibt verschiedene Beweggründe eine Fruchtwasseruntersuchung oder andere vorgeburtliche Tests durchführen zu lassen. Die meisten erhoffen sich wahrscheinlich eine Bestätigung, dass es ihrem Baby gut geht. Manche wollen sich auf das einstellen, was sie erwartet – möchten sich auf eventuelle Erkrankungen vorbereiten. Andere können sich das Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellen und suchen Sicherheit – Sicherheit wo es keine gibt.

Denn wie die oben beschriebenen Fälle zeigen, kann ein Baby trotz positiver Testergebnisse gesund zur Welt kommen. Umgekehrt heißt ein negativer Befund nicht, dass das Ungeborene zu 100% gesund ist. Hier ein Beispiel für ein Mädchen, das mit Down-Syndrom geboren wurde, obwohl die Ärztin bei der Feindiagnostik versicherte, dass alles mit ihr in Ordnung sei: „Sonea Sonnenschein„.

„Kritiker der Pränataldiagnostik geben zu bedenken, dass durch die diagnostischen Möglichkeiten der Eindruck entstehe, Behinderungen und Fehlbildungen seien vermeidbar. Es wird die Illusion geweckt, dass es sozusagen eine Garantie gebe auf ein gesundes Kind. […] Es ist aber nur ein geringer Anteil der Behinderungen, die sich durch eine frühe pränatale Diagnostik feststellen lassen. Ein großer Teil der Störungen ist nicht gut feststellbar, entwickelt sich erst später oder entsteht während der Geburt“ (siehe „Die Illusion von der Garantie auf ein gesundes Kind“).

Wie würde ich mit einem auffälligen Befund umgehen?

Thomas und ich dachten 2011 sehr intensiv über diese Frage nach. Was, wenn die Diagnose „Down Syndrom“ oder ähnliches fällt? Hat dieses kleine Wesen in meinem Bauch dann keine Existenzberechtigung mehr? Sollen wir tatsächlich darüber urteilen, ob unser Baby mit solch einer Diagnose das Recht hat zu leben oder nicht?

Wir hatten damals keine Berührungspunkte zu behinderten Menschen, doch wir fanden es falsch aus unserer Perspektive/ Vorstellung heraus zu beurteilen, was lebenswert ist und was nicht. Von meinem Standpunkt aus kann ich mir viele Dinge nicht vorstellen, weder eine eigene Behinderung, noch mit einem behinderten Menschen zu leben.

Fakt sind aber zwei Dinge:
1. Menschen (und so auch Eltern) wachsen mit ihren Aufgaben.
Das Leben mit einem behinderten Kind verläuft sicherlich anders, jedoch muss das nicht zwangsläufig schlecht(er) sein.

2. Um Glück zu empfinden, muss man nicht laufen können, um zu lieben, nicht sehen können. Menschen, die mit einer Behinderung geboren werden, wissen nichts von ihrem vermeintlichen Unglück (bis wir „Gesunden“ sie ständig damit konfrontieren). „Sie definieren sich nicht automatisch über ihre Einschränkungen, sie sind nicht zwingend unglücklich oder krank“ (siehe „Menschen mit Behinderung).

An dieser Stelle möchte ich euch die rührende und Mut machende Videobotschaft „Dein Kind kann glücklich sein – Wie ich!“ ans Herz legen:

15 Menschen mit Down-Syndrom erklären einer werdenden Mutter, dass sie sich vor einem Leben mit einem behinderten Kind nicht fürchten muss. Das Video entstand im Auftrag der italienischen Selbsthilfeorganisation Coor Down.

Natürliche Geburt (künstliche Fehlgeburt) bei auffälligem Befund

Es gibt noch eine Sache, die ich betonen möchte: Wer sich nach einem auffälligen Befund gegen sein Kind entscheidet (immerhin sind das 95% der Mütter), muss dieses auf natürlichem Wege zur Welt bringen.

Die Fruchtwasseruntersuchung findet meist zwischen der 14. und der 20. Schwangerschaftswoche statt. Die Ergebnisse liegen nach rund zwei bis drei Wochen vor. Wird bei dem ungeborenen Baby eine Fehlbildung oder eine chromosomale Anomalie erkannt, so hat die Mutter das Recht, sich für einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden (nach §218 Strafgesetzbuch ist ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland normalerweise innerhalb von 12 Wochen nach der Empfängnis vorzunehmen).

Bis zur 9. Schwangerschaftswoche ist eine hormonelle Form der Abtreibung (Wirkstoff Mifepriston) möglich – bis zur 12. Schwangerschaftswoche dürfen instrumentelle Schwangerschaftsabbruch-Methoden (Ausschabung/ Absaugung) durchgeführt werden. Bei einem Schwangerschaftsabbruch nach der 14. Woche (nach einer Fruchtwasseruntersuchung) erfolgt in der Regel ein medikamentöser Abbruch. „Die Medikamente [die sogenannte Abtreibungspille und wehenfördernde Mittel] sind notwendig, da zu diesem Zeitpunkt der Körper der Schwangeren auf den Erhalt der Schwangerschaft und noch nicht auf die Geburt eingestellt ist. Sie sollen den Muttermund weich machen und Wehen auslösen und leiten so eine Geburt ein. Bis es zu der beabsichtigten Fehlgeburt kommt, vergehen im Allgemeinen einige Stunden bis einige Tage“ (siehe „Schwangerschaftsabbruch bei Down-Syndrom„).

Bei einem Abbruch nach der 18. Schwangerschaftswoche ist es möglich, dass das Kind nach der eingeleiteten Geburt noch einige Minuten lebt. Ab etwa der 22. Woche ist es wahrscheinlich, dass das Kind die eingeleitete Geburt überlebt und auch lebensfähig ist [bekanntestes Beispiel ist das „Oldenburger Baby“]. In diesem Fall sind Ärztinnen und Ärzte ethisch und juristisch verpflichtet, das Kind am Leben zu erhalten. Mit dem Einverständnis der Schwangeren kann deshalb vor der Geburt ein sogenannter Fetozid durchgeführt werden. Das heißt, dass in die Nabelvene des Kindes eine Kaliumchloridlösung gespritzt wird, die zu einem sofortigen Herzstillstand und somit zum Tod des Kindes führt“ (siehe „Schwangerschaftsabbruch nach medizinischer Indikation“).

Mein Wunsch nach Aufklärung

Auch bei Nestling Nr. 2 stand die Frage nach einer vorgeburtlichen Untersuchung im Raum. Zwischen Tür und Angel (genau wie 2011) sollte ich an der Empfangstheke (hinter mir standen wartende Patienten) ein Häkchen und meine Unterschrift unter die Frage „Nackentransparenzmessung: Ja oder Nein?“ setzten. Obwohl unsere Antwort seit der letzten Schwangerschaft fest stand, fühlte ich mich wieder überfahren. Ich unterschrieb mein „Nein“, fand es aber seltsam bei dieser wichtigen Frage, so unerwartet und beiläufig antworten zu müssen. Auch wenn ich verstehen kann, dass es sich aus Perspektive der Arzthelferinnen um routinemäßige Bürokratiebewältigung handelt…

2011 suchte ich mir vor der Entscheidung erst einmal in aller Ruhe die wichtigsten Fakten im Internet zusammen. Sicherlich hätten mir die Arzthelferinnen oder mein damaliger Arzt auch Fragen beantwortet, doch ich wusste gar nicht, was ich fragen sollte… Bei dieser sensiblen Angelegenheit wünsche ich mir deshalb mehr unaufgeforderte Hilfestellung und Aufklärung seitens der Ärzte (inklusive Infos über Risiken, Fehldiagnosen und Ablauf einer späten Abtreibung). Es ist doch ein riesiger Unterschied, ob ich erst nach einem auffälligen Befund mit den „harten Fakten“ konfrontiert werde oder ob ich mich gut informiert und im vollen Bewusstsein über die Konsequenzen für solch eine Untersuchung entscheide.

Pränataldiagnostik? Hilfreiche Selbstfragen

Jede werdende Mutter sollte eine bewusste und dann auch gut begründete Entscheidung für oder gegen eine weiterführende Diagnostik fällen dürfen. Um zu dieser zu kommen, können folgende Fragen hilfreich sein:

1. Bin ich ausreichend über die möglichen Untersuchungsmethoden (nicht-invasive und invasive) informiert?
2. Bin ich bereit das Fehlgeburt-Risiko einer invasiven Untersuchungsmethode (Fruchtwasseruntersuchung/ Chorionzottenbiopsie) einzugehen?
3. Ertrage ich die lange Wartezeit und die Ungewissheit bis ich die Testergebnisse der Untersuchung in den Händen halte?
4. Was bedeutet ein auffälliger Befund für mich?
5. Spielt dieser Befund eine Rolle für das Fortsetzen der Schwangerschaft?
6. Kann ich mich gedanklich auf ein Leben mit einem behinderten Kind einlassen?
7. Bin ich in der Lage eine künstliche Fehlgeburt durchzustehen?

Schlussgedanke

Ich möchte mit diesem Artikel nicht die Moralkeule schwingen oder persönliche Entscheidungen in Frage stellen – das liegt mir fern. Weil mich das Thema allerdings selbst viele Gedanken, Überlegungen und Recherchestunden gekostet hat und mir die persönlichen Erfahrungsberichte (vor allem von Bekannten) emotional zu schaffen machten, ist es mir wichtig auf die Grenzen und die Konsequenzen solcher Untersuchungen hinzuweisen.

Es sind keine harmlosen Sehtests, bei denen es darum geht, ob mein Kind eine Brille benötigt oder nicht. Es ist sehr viel mehr. Es sind Untersuchungen, die über Leben und Tod entscheiden können. Untersuchungen, die das eigene Leben und vor allem das Gefühlsleben enorm beeinflussen. Untersuchungen, die keine Sicherheit geben können und unter Umständen mehr Leid hervorrufen, als dass sie Gutes bringen.

Thomas und ich, wir lehnten auch in dieser Schwangerschaft vorgeburtliche Untersuchungen wieder bewusst ab. Wir wollen uns nicht unnötig verrückt machen lassen und vertrauen darauf, dass die Natur ein Kind für uns bereit hält, dem wir gewachsen sind. Wir entschieden uns schon bei unserem Mädchen, dass wir das nehmen, was das Schicksal für uns vorsah und bleiben auch dieses Mal dabei.

Zum Schluss noch ein paar Fragen an euch, da ich in den beiden Schwangerschaften nur die Betreuung zweier Arztpraxen kennen lernen durfte. Wie wurdet ihr mit dem Thema „Pränataldiagnostik“ konfrontiert? Gab es nur einen Fragebogen oder auch Broschüren und Aufklärungsgespräche? Letztere auf Initiative der Praxis oder erst auf euren Wunsch hin? Ich bin gespannt auf eure Antworten!

Eure Kathrin

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  • Keesha

    Hallo,
    ich bin zum 2. Mal schwanger, wobei die 1. Schwangerschaft in einer Fehlgeburt (8. SSW) endete. Ich denke mir, dass damals der Natur ein Fehler unterlief und das Baby nicht gesund gewesen ist. Mit diesem Gedanken konnte ich das sehr gut verarbeiten.

    Sowohl der werdende Papa, als auch ich, haben privat o. beruflich mit behinderten Menschen mit unterschiedlichen Behinderungsgraden zu tun gehabt und haben daher sowohl die schönen, als auch anstrengenden Zeiten kennen gelernt. Wir haben uns bei der Frage „Pränataldiagnostik: ja oder nein?“ ebenfalls zuerst die Frage gestellt, ob wir über eine Abtreibung nachdenken würden. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass wir darüber nachdenken würden. Daher entschieden wir uns für den Ultraschall der NFM, aber gegen den Bluttest. Eine 100%ige Sicherheit gibt es nicht und daher diente der US eher unserer Beruhigung.
    Wir nahmen später ebenfalls am Feindiagnostik-US teil, aber zu diesem Zeitpunkt wäre eine Abtreibung nicht mehr für mich in Frage gekommen. Wir ließen es aber dennoch durchführen, da es die Wahl des Geburtsortes beeinflusste: Wir wollen ins Geburtshaus.

    Was die Aufklärung durch meine FA angeht: Nein, ich fühlte mich nie beraten. Als wir uns gegen den NFM-Bluttest entschieden, durfte ich mir eine lange und breite Aufklärung darüber anhören, dass das ja aber nicht sicher sei und ich „doch nur das Beste für das Baby“ wollen würde. *Augen roll* Die Überweisung zur Feindiagnostik bekam ich standardmäßig, weil „Frau Dr. denkt, dass die Kassen sowas ruhig zahlen sollen“. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass mir IGEL-Leistungen aufgeschwatzt werden.
    Meine Hebamme aus dem Geburtshaus hingegen beriet mich professionell. Sie erklärt mir für jede Untersuchung den Ablauf, die Vor-& Nachteile, die Sicherheit etc. Wenn ich sie nach ihrer persönlichen Meinung frage, erklärt sie mir auch diese, ohne mir dabei allerdings eine Meinung aufzudrücken. Sie respektiert JEDE Entscheidung und betont, dass wir wissen müssen, was wir wissen wollen. Sie sagt ganz oft: „Jeder Mensch hat ein Recht auf Nicht-Wissen.“ Für sie wäre es auch absolut ok, wenn jemand alle Ultraschalluntersuchungen ablehnt, denn das ist ausschließlich die Entscheidung der werdenden Eltern. Sollte es Hinweise geben, dass die Schwangerschaft nicht ganz normal verläuft, dann rät sie einem aber auch, einen Arzt oder das KH aufzusuchen.
    Ich denke, so sollte es letztendlich auch sein: professionelle Beratung und Respekt!

    Ich möchte aber auch noch hinzufügen: Wir haben einiges untersuchen lassen, aber wir sind uns dennoch bewusst, dass nur ein Bruchteil der Behinderungen vor der Geburt bereits da ist. Viel entsteht unter der Geburt und es gibt keine Garantie für ein gesundes Kind. Ich werde mein Kind nicht beschützen können, so gern ich es auch wollen würde. Keine (pränatale) Untersuchung verhindert, dass mein Baby morgens nicht mehr aufwacht. Genauso kann es mit 6 Jahren unschuldig in einen tödlichen Autounfall verwickelt werden. Der Tod gehört leider zum Leben dazu, genauso wie Krankheiten. Wir müssen uns damit abfinden und sollten die Zeit, die wir mit unserem Baby/Kind verbringen – ob nur in der Schwangerschaft oder auch danach -, in vollen Zügen genießen.
    Wie gesagt, das ist meine Meinung und ich denke auch, dass es bei diesem Thema kein richtig oder falsch gibt. Jedes Elternpaar muss für sich wissen, wieviele Untersuchungen und Informationen es braucht. Sofern aber bereits Kinder geboren wurden, sollte man diese ebenfalls in dem Entscheidungsprozess bedenken, da sie jede Entscheidung mittragen müssen.

    • Herzlichen Dank für Deinen ausführlichen und interessanten Kommentar, Keesha!

  • Johanna

    Hallo Kathrin,

    vielen Dank für deinen Artikel.

    Ich habe selbst eine Schwester mit Down-Syndrom und bin in der 15. Woche schwanger. Gerade wegen ihr würde es mir nicht im Traum einfallen, ein behindertes Kind abzutreiben. Was bringt mir also eine solche Untersuchung? „Vorbereiten“ kann man sich meiner Meinung nach sowieso nicht. Denn woher weiß man denn, wie das eigene Kind sein wird? Meine Schwester „ist“ nicht Trisomie 21, sondern sie ist meine Schwester. Und nach der Geburt war erst einmal für eine lange Zeit alles so, wie es mit jedem anderen Säugling auch wäre (okay, sie hat auch keinen Herzfehler o.ä.). Da habe ich noch genug Zeit, um mich „einzustellen“.

    Ich denke auch, viele Menschen glauben, all ihre Träume zerplatzen, wenn das Kind nicht gesund ist. Doch was träumt man als schwangere Frau denn so? Ich stelle mir vor, wie ich mit meinem Baby kuschel, wie ich es tröste und kennenlerne, wie ich es stille und wickel und rieche…Ich stelle mir vor, wie ich später meiner Tochter Zöpfe flechte oder dem Sohn ein Buch vorlese. Was davon zerplatzt denn? Ist ein Kind weniger wert, weil es vielleicht nicht lesen oder gar studieren kann? Dann müsste auch jeder Legastheniker oder Mensch mit einem IQ unter 120 abgetrieben werden!

    Ich denke, es wird viel zu wenig aufgeklärt heutzutage. Kein Mensch mit Down-Syndrom liegt sabbernd in der Ecke und schreit! Viele lernen lesen, manche studieren sogar, der größe Teil spricht gut, sehr viele wohnen später allein (oder betreut aber ohne Eltern) und die meisten Herzfehler sind auch gut behandelbar. Auch ein paar Zahlen sind hier wichtig: Gerade einmal 4 Prozent aller Behinderungen sind bereits vor der Geburt vorhanden. Davon wiederum werden ca. 2 Prozent erkannt. Und dafür soll ich dann eine gefährliche Fruchtuntersuchung über mich ergehen oder mich durch einen teuren Bluttest verunsichern lassen?

    Und vor allem: Was ist denn mit den 96 Prozent der Menschen, die durch die Geburt, durch eine Krankheit oder einen Unfall plötzlich behindert sind? Kann man die auch zurückgeben? Komischerweise arrangieren sich die Eltern hier mit dem Schicksal und kommen erstaunlich gut klar. Ist man vor der Geburt denn noch nicht „Eltern“ und kann sich durch eine Abtreibung einfach so aus der Verantwortung ziehen? Was unterscheidet denn ein Baby vor der Geburt und eines danach? Beide sind real vorhanden, können Schmerz fühlen und wollen leben. Ersteres ist nur durch eine Bauchdecke verborgen. Und das gibt einem das Recht, zu töten?

    Es wird einem auch zu einfach gemacht. Eine Abtreibung wird oft sehr verharmlost – erstrecht in einem frühen Schwangerschfatsstadium. Doch wer nur einmal „12. ssw“ in der Google-Bildersuche eingibt, wird erkennen, wie martialisch bereits eine (für die Mutter recht einfache) Absaugung von statten geht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Baby, welches schon etliche Nervenverbindungen hat, nicht merkt, wie es auseinander gerissen wird! Wer sich traut, darf auch gern einmal Ärzte fragen, wie schlimm der Überlebenskampf eines Ungeborenen aussieht, dem man Gift in die Nabelschnur spritzt, damit er stirbt…

    Ich möchte niemanden verurteilen, der sich ein Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellen kann. Aber ich möchte jedes Paar, welches vor dieser schwierigen Entscheidung steht, bitten, sich richtig gut zu informieren und nicht nur auf einen Arzt zu hören. Jeder sollte sich damit auseinandersetzen, was die jeweilige Behinderung in der heutigen Zeit überhaupt bedeutet. In Zeiten von Facebook-Gruppen und Co sollte das ein leichtes sein. Und wem dieses Kind dann trotzdem nicht in die aktuelle Lebenssituation passt, den bitte ich, über eine Abtreibung noch länger nachzudenken und sich ebenfalls gut zu informieren. Denn auch hier gibt es Alternativen. Wie viele Menschen wünschen sich seit Jahren ein Baby und würde auch ein behindertes mit offenen Armen empfangen?!

    Wenn ich mir ansehe, dass 95 Prozent aller behinderten Baby abgetrieben werden, bekomme ich Angst. Blutteste vereinfachen schon heute die Diagnose immens. Was wird in ein paar Jahren sein? Wird dann ein Kind mit Migräne-Gen abgetrieben, weil es ansonsten an Kopfschmerzen leiden muss? Oder eines mit ADHS, weil die Mutter damit nicht klarkommt? Oder das mit den roten Haaren, weil man es hässlich findet? Das muss irgendwo ein Ende haben. Denn je mehr man künstlich selektiert, umso weniger kommt man mit „anderen“ in Kontakt, desto fremder sind diese und desto mehr Vorurteile herrschen. was wiederum dazu führt, dass mehr davon abgetrieben werden.

    Ich finde, wenn man bereit für ein Baby ist, sollte man dies in jeder Konsequenz sein. Denn Mutter oder Vater ist man bereits vor der Geburt – mit allen Pflichten, die dazu gehören.

    Danke fürs Lesen!

    Johanna

    • Liebe Johanna,
      da hast Du Dir aber einiges von der Seele geschrieben! Ich kann Dich sehr gut verstehen und danke Dir für Dein Feedback. Die Frage wohin das alles führen soll, hatte ich mir insgeheim auch gestellt. Aber auch, ob jemand die abgetriebenen Babys auf Gendefekte/ Krankheiten untersucht, damit man weiß, wie viele gesunde Kinder sterben mussten. Ein schwieriges Thema, bei dem sich die Geister scheiden.

      Dir wünsche ich eine entspannte Schwangerschaft und alles Gute für Dich und Dein Baby!
      LG
      Kathrin

  • Hallo Kathrin,

    ich bin auch zum zweiten Mal schwanger. Beim ersten Mal habe ich das Organscreening machen lassen, weil ich selbst vorbelastet bin und sicher sein wollte, dass alles in Ordnung ist. Was ich nicht machen lassen wollte, war die Nackenfaltenmessung oder weitere über den normalen Ultraschall hinausgehende Untersuchungen. Das hatte ich auch mit meinem Arzt besprochen und er hat sich auch wirklich viel Zeit genommen, um Fragen jeglicher Art zu klären. Für ihn war auch die entscheidende Frage, was für mich ein behindertes Kind bedeuten würde. Wegen der Vorbelastung war ich allerdings als Risiko-Schwanger eingestuft und es wurden sehr sehr viele Ultraschalle gemacht.

    Leider ist dann auch kurz nach dem Beginn der SS der Arzt in Rente gegangen und ich war ab dann bei seiner Nachfolgerin.
    Einmal war ich in der Untersuchung, der Ultraschall wurde gemacht und sie sagt „Nackenfalte ist in Ordnung!“ und ich sag nur „Wie? Ich wollte das nicht untersucht haben!“ und sie „Wenn ich grad schon dran bin…“. Tja, welche Entscheidung durfte ich treffen?

    Dann hat sie mir ziemliche Panik gemacht, das Kind sei zu klein, zu leicht, es kommt zu früh… Hat dann auch vielleicht gestimmt. Es kam dann ziemlich früh, aber es war keine Frühgeburt mehr. Er war ziemlich leicht. Und das ist er auch immer noch. Wir müssen uns immer noch anhören, dass wir ihn regelmäßig wiegen sollen, dass wir sein Gewicht kontrollieren lassen müssen, dass wir untersuchen lassen müssen, ob er irgendwelche Krankheiten hat, etc., etc. Dabei muss man diesem Kind nur mal einen Moment zuschauen und man sieht, dass es ihm gut geht.

    Bei der zweiten Schwangerschaft bin ich wieder bei einem anderen Arzt. Aufklärung gab es quasi keine. Risiko-Schwanger bin ich auch nicht mehr. Ich konnte mir „aussuchen“, ob ich zusätzliche Ultraschalluntersuchungen will. Der Haken war, dass mir der Arzt gesagt hat, er müsse die Nackenfaltenmessung machen. Und wenn er etwas sähe, dann sei er verpflichtet mir das mitzuteilen. Ich bin ziemlich vor den Kopf gestoßen aus der Praxis gekommen. Konnte das denn sein? Danach habe ich mich im Internet informiert und natürlich war dem nicht so. Völliger Blödsinn! Da ich ihn aber natürlich nicht daran hindern kann irgendwo hinzugucken, wenn er einen Ultraschall macht, habe ich mich komplett gegen alle zusätzlichen Ultraschalle entschieden. Damit gab es keinen US mehr im entsprechenden Zeitraum. Meine Entscheidung wurde vom Arzt aber auch nicht einfach akzeptiert. Viel mehr musste ich darum kämpfen, dass es akzeptiert wurde und habe mich schon auf der Suche nach einem anderen Arzt gesehen, bis er dann endlich eingewilligt hat, die Untersuchungen wegzulassen. (Einen anderen Arzt hätte ich vermutlich nicht so schnell gefunden und damit wäre dann auch das Elterngeld zur Hälfte futsch gewesen. Habe also ziemlich geschwitzt bei dem „Gespräch“)
    Was soll ich sagen? Diese Schwangerschaft ist untersuchungstechnisch total entspannt. Ich kann auf meinen Bauch hören, alle zwei Monate geh ich mal zum Arzt, der fragt mich dann, wie es mir geht, nimmt Blut ab, etc. aber macht sonst nichts, auch keinen Stress in irgendeiner Weise. Ich hätte erwartet, dass ein Arzt, der nicht mit Ultraschall das Kind angucken kann, zumindest tastet, wie das Kind liegt, aber das scheint nicht der Fall zu sein.

    Ultraschalluntersuchungen hatte ich bisher zwei. Ich bin jetzt in der 31. Woche. Einer kommt noch.

    Ich weiß nicht, ob dieses Kind gesund ist. Ich kann es nur hoffen. Und ich will eigentlich auch nicht zu viel darüber nachdenken. Warum soll ich mir Sorgen machen, die am Ende unbegründet sind? Und vorbereiten kann man sich glaube ich auf ein behindertes Kind nicht.

    TinkaBell

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  • Carlotta Aust-Haubold

    Ich kann das Buch von Stiftung Warentest zum Thema nur empfehlen. Da wird völlig sachlich und wertungsfrei bei allen diagnosetechniken die Durchführung, die Risiken und der Nutzen dargestellt. Wobei nicht nur das reine Abortrisiko für die invasiven Techniken mit reingerechnet wird, sondern es wird noch das Risiko für Verletzungen, Behinderungen (!), Frühgeburten etc mit aufgeschlüsselt. Da kommen dann verblüffend hohe zahlen zusammen!