Mami, guck mal, was ich gemacht habe!

Kathrin Übers Elternsein 5 Kommentare

Heute Morgen setzte sich unser Mädchen vergnügt an den Esstisch und rief: „Mami, guck mal, was ich gemacht habe!“ Ich ging zu ihr und sah den riesigen Kratzer auf der hölzernen Oberfläche. „Wie ist das passiert?“ fragte ich. „Das habe ich mit dem Löffel gemacht!“ erwiderte sie freudestrahlend.

Kratzer

Ich schaute ihr in die Augen und dann auf den Tisch. Der ist noch nicht einmal ein halbes Jahr alt und nun mit einer unübersehbaren Markierung versehen. Thomas und ich, wir waren natürlich nicht erfreut und gaben ihr das auch zu verstehen. Was mich allerdings positiv stimmte, war die Tatsache, dass sie ihr Werk zugegeben und nicht verheimlicht oder dem kleineren Bruder in die Schuhe geschoben hatte.

Ich kann mich nämlich noch zu gut an meine Dummheiten erinnern und meiner Angst sie meinen Eltern zu beichten. Als Pubertierende beispielsweise zerkratzten meine Freunde und ich eines abends mit unseren Nietenhosen (ich war in der „schwarzen Szene“ unterwegs) die Motorhaube eines Autos. Wir hatten uns ohne nachzudenken drauf gesetzt, um zu quatschen und so mal eben einen Sachschaden in Höhe von 2000 D-Mark verursacht. Das war saublöd, ich weiß. Wie gesagt, wir haben keine Sekunde darüber nachgedacht.

Meinem Vater hätte ich das niemals erzählen wollen – der hätte mir erst eine Standpauke gehalten und mir danach eine dicke Strafe aufgebrummt. Deswegen ging ich zu meinem neun Jahre älteren Bruder, der zwar auch nicht gerade begeistert reagierte, aber immerhin versuchte, ruhig und ohne mich zu beschimpfen eine Lösung zu finden: Er streckte meinen Anteil vor und ich zahlte es später bei ihm ab. Das war hilfreich, fair und mir dennoch eine Lehre. Zudem behielt er den Vorfall für sich und ich wusste, ich konnte ihm 100%ig vertrauen, auch wenn ich etwas derartig Idiotisches verzapft hatte.

Mir liegt das Vertrauen meines Kindes ebenfalls am Herzen. Ihr Vertrauen ist mir wesentlich wichtiger als ein makelloser Holztisch oder der ganze materielle Kram, der uns umgibt. Ich weiß, dass unser Mädchen nichts mutwillig zerstören oder mich absichtlich ärgern wollte. Wahrscheinlich versuchte sie nur herausfinden, wie es sich anfühlt oder anhört, wenn sie den Löffel über die Tischplatte zieht – was dann mit dem Holz passiert. Sie folgte ihrer kindlichen Neugier. Lernen durch Probieren und Beobachten eben.

Ich dagegen weiß genau was passiert, wenn sie mit Metallwerkzeugen Mobiliar und Einrichtungsgegenstände bearbeitet und werde sie daran zu hindern wissen, sofern ich schnell genug bin. Sie soll allerdings nicht nur lernen, dass durch solche Experimente irreparable Schäden entstehen, die uns überhaupt nicht gefallen, sondern auch, dass wir ihr nicht den Kopf abreißen, wenn sie aus Versehen etwas beschädigt.

Ich hätte sie ja genau so gut ausschimpfen und bestrafen können – eine Art und Weise mit Fehlern umzugehen, die meine Eltern gerne anwandten. Aber zum einen war es ja nur aus unserer Eltern-Perspektive ein „Fehler“ – sie hat im Grunde alles richtig gemacht, indem sie ihrer instinktiven Neugier folgte und etwas Neues ausprobierte. Zum anderen weiß ich aus eigener Erfahrung wie viel besser es sich anfühlt, wenn Aussenstehende emotionale Aufbauarbeit leisten und gegebenenfalls Hilfe anbieten, statt mir mein Ungeschick vorwurfsvoll vorzuhalten.

Bei meinen ersten selbstverschuldeten Autounfall beispielsweise konzentrierte ich mich auf den Stadtplan auf meinem Schoß, statt auf den vor mir bremsenden und abbiegenden Mercedes. Ich fuhr ausnahmsweise den Wagen meines Schwagers, dessen rechter Kotflügel nach dem Aufprall schrotreif war. Als ich ihn anrief, um das Desaster mit klopfendem Herzen zu beichten, fragte er: „Geht es Dir gut? Kannst Du noch fahren?“ Und als ich bejahte, sagte er nur: „Dann komm erst mal nach Hause. Den Rest bekommen wir schon hin!“

„Fehler vermeidet man, indem man Erfahrung sammelt.
Erfahrung sammelt man, indem man Fehler macht.“
(Laurence Johnston Peter)

Ich fuhr nie wieder mit einer Karte auf meinem Schoß Auto, auch ohne Moralpredigt. Und ich bin mir sicher, dass unser Mädchen auch ohne laute und rügende Worte begreift, was uns lieb und teuer ist und woran sie sich mit gutem Gewissen austoben darf. Außerdem merke ich, dass ihr ihre Fehler – sofern sie diese als solche erkennt – schon unangenehm genug sind und es keiner zusätzlichen Zurechtweisung unserseits bedarf. Deswegen werde ich auch in Zukunft versuchen ruhig zu reagieren, wenn sie mich auf eine neue, für mich unangenehme Überraschung hinweist.

Doch nicht nur das. Ich freue mich über ihre Geständnisse und zeige ihr das auch. Denn ich wünsche mir nichts mehr, als dass sie immer zu mir kommt, wenn sie etwas „angestellt“ hat. Dass sie mir angstfrei von ihren Fehlern und „Ausrutschern“ erzählt – auch später noch, wenn es um schlechte Noten und eventuell wesentlich Schlimmeres geht.

„Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist,
immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.“
(Dietrich Bonhoeffer)

Meine Kinder sollen das Selbstbewusstsein und den Mut behalten, Dinge auszuprobieren und durch eigene Erfahrung dazuzulernen. Dabei wird ihnen wahrscheinlich auffallen, dass nicht immer alles auf Anhieb gelingt und Missgeschicke passieren. Bald merken sie auch, dass es anderen genau so geht. Dass niemand von uns fehlerfrei oder perfekt ist.

Wichtiger als Perfektionismus ist, meiner Meinung nach, zu den eigenen Fehlern zu stehen, statt sie zu verheimlichen (und damit unter Umständen Schlimmeres anzurichten) oder sie auf andere zu schieben. „Das setzt natürlich ein gewisses Vertrauen in sich selbst und die Welt voraus. Hier geht es um das Vertrauen, dass man aus jedem Fehler wirklich etwas lernen kann. Das Vertrauen, dass man jeden Fehler irgendwie wieder ausbügeln wird, auch wenn eine Handlung zuerst vielleicht negative Konsequenzen nach sich ziehen könnte“ (siehe auch „Fehler sind etwas Wunderbares„).

„Suche nicht nach Fehlern, suche nach Lösungen.“
(Henry Ford)

Als unser Mädchen nach dem „Kratzer-Malheur“ mit hängenden Ohren da saß, weil sie merkte wie blöd wir das fanden, sagte ich: „Danke, dass Du uns davon erzählt hast!“ und Thomas nahm sie fest in die Arme. Damit war dieses Thema für uns erledigt.

Nein, nicht ganz. Ich besorgte ihr ein Schnitzmesser, das ich ihr zu Ostern schenken werde und mit dem sie sich dann an Ästen und Ähnlichem austoben darf. Damit möchte ich ihr den Raum zum Ausprobieren geben, den sie offenbar benötigt und die Möglichkeit noch mehr über Holz und Metallwerkzeuge zu lernen…

Eure Kathrin

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  • jungeMama

    Liebe Kathrin,

    ich sitze hier gerade und weine. Du schaffst es immer wieder, zur richtigen Zeit genau die richtigen Worte zu finden!
    Denn DAS ist es! DAS ist genau der Punkt, der für uns Eltern oberste Priorität haben sollte: gegenseitiges VERTRAUEN und BEDINGUNGSLOSIGKEIT!
    Auch ich bin großer Fan von Tragen, Familienbett, (Langzeit-)Stillen etc und möchte das gar nicht weiter bewerten. Aber das alles hilft gar nichts, wenn nach der „schönen Babyzeit“ trotzdem die harte Erziehung einsetzt.
    Vertrauen in die Eltern (es tut zur Not natürlich auch eine andere Vertrauensperson), dass, egal was passiert, man IMMER zu ihnen kommen kann…es gibt einfach nichts, was das ersetzen kann.
    Ich habe das zum Glück bei meinen Eltern so erleben dürfen, allerdings kenne ich aus meiner Schulzeit kaum jemanden, bei dem das so war. Ich war ein absoluter Exot. „Wie, du redest mit deiner Mama über sowas? Deine Eltern wissen das? Meinen würde ich das NIE erzählen! Meine würden mich umbringen!“
    Und nein, auch meine Eltern fanden nicht einfach alles toll, was ich angestellt hab. Auch ich habe mal „Standpauken“ bekommen. Aber die dienten eher der Aufklärung und ihrer Sorge, was auch immer dazugesagt wurde. Es waren immer Gespräche auf Augenhöhe. Danach wurde sofort geherzt, langes „beleidigt sein“ oder gar „ausschließen“ gab es nie.
    Und auch mir reichte das „Fehler machen“ als „Strafe“ völlig aus. Wir Kinder wurden niemals bestraft, weder körperlich noch absichtlich psychisch. Was nebenbei auch bei keinem von uns Geschwistern zu „absichtlichen Taten“ geführt hat, weil „uns ja eh nichts passiert“.
    Ich finde, ich darf ruhig auch mal meinen Unmut kundtun, denn „egal“ sind mir einige Dinge eben nicht. Aber ich missbillige in dem Moment (wenn überhaupt) ja nur das Verhalten der Person, nicht den Menschen an sich. Und das sollte mein Gegenüber wissen (egal, ob Kind oder Erwachsener).
    Und durch Strafen, „Konsequenzen“ (die künstlichen, die nichts anderes sind als Strafen), Beleidigungen, Ermahnungen und Belehrungen von oben herab wird genau dieses Vertrauen kaputt gemacht und anstatt das Gegenüber zum Nachdenken zu bringen, erzeugen o.g. Dinge oft eher Wut, Aggressionen, Angst und Widerstand.

    Ich finde, wir sollten für unsere Kinder kein Gefängniswärter/Richter sein, sondern ihr sicherer Hafen. IMMER!<3

    • Ivonne

      Tolle Reaktion von Euch! Vielleicht kann man den Tisch noch retten, sofern es sich um einen Massivholztisch handelt? Feuchtes Zewa auf die Macke legen und ein paar Stunden liegenlassen, damit das Holz nach oben quellen kann. Danach einen Holzstift (gibt es von der Firma Edding) in der passenden Farbe nehmen und übermalen. Danach dürfte es nicht mehr auffallen.

  • Du bringst es auf den Punkt: Ein Holztisch ist vergänglich, Vertrauen dagegen prägt unsere Kinder für den Rest ihres Lebens!

  • Pingback: Ich will nicht werden wie er! Ich will gewaltfrei erziehen! - Nestling()

  • Kristina

    Sehr schön geschrieben. Mir hat sich einmal der weise Satz eingeprägt: “Weine nicht um Dinge, die nicht um Dich weinen würden!“ Inzwischen gehe ich ziemlich gelassen mit solchen Aktionen der lieben Kinderchen um…