Kindergartenfreie Zeit schweißt zusammen

Kathrin Übers Elternsein 1 Kommentar

Fünf Wochen New York. Das war nicht nur ein langer Urlaub ohne Papa (der ja wochentags genau wie zu Hause arbeiten musste). Das war nicht nur ein Test, ob ich es schaffe, mich allein mit den Nestlingen in so einer gewaltigen Stadt zurechtzufinden. Das war vor allem auch eine sehr innige Zeit für mich und die beiden Racker, weil wir im Gegensatz zu unserem Leben in Deutschland 24 Stunden am Stück miteinander verbracht haben.

Um ehrlich zu sein, graute es mir im Vorfeld ein wenig davor, weil ich glaubte, dass es mir zumindest phasenweise zu viel und dem Mädchen spätestens nach der Hälfte der Zeit mit mir langweilig werden würde. Aber dem war nicht so und ich lernte wieder einmal, dass die Realität in den seltensten Fällen etwas mit meiner Vorstellung zu tun hat.

Musik

Der Bub kuschelt sich an die große Schwester, während beide einem Hörbuch lauschen.

Aller Anfang ist schwer…

In der ersten Woche krachten wir alle etwas häufiger aneinander. Wir kämpften mit dem Jetlag. Wir waren extrem unausgeschlafen. Noch nicht an die Hitze gewöhnt. Und erst recht nicht an diese neue, amerikanische Welt.

Das war eine von diesen Wochen, in denen ich mich jeden Abend im Bett fragte, warum ich es nicht schaffe, gelassener zu reagieren und in der ich wieder einmal feststellte, dass ich anders mit dem Mädchen kommunizieren muss, wenn es harmonischer laufen soll.

Fenster

Wir beobachten die Stadt 4 Uhr morgens vom Fenster aus, weil der Jetlag uns vom schlafen abhält.

Was brauchen wir, damit es uns besser geht?

Mir gelang es die Handbremse anzuziehen, indem ich mich hinterfragte (Warum bin ich so ungeduldig? Was brauche ich, damit es mir besser geht?) und indem ich das Mädchen beobachtete (Warum versucht sie meine Aufmerksamkeit auf diese herausfordernde Weise auf sich zu lenken? Was braucht sie, damit sie zufriedener ist?). Allein das brachte mich wie bereits so oft in schwierigen Phasen auf eine bessere Fährte.

Denn bin ich gereizt und unausgeglichen, fehlt mir etwas (Schlaf, Essen, eine Pause, Unterstützung…). Das Gleiche gilt für das Mädchen und eigentlich auch schon für den Bub, der nicht nur das Verhalten seiner Schwester, sondern auch ihre Launen fast immer hundertprozentig kopiert (oft ohne zu wissen, was er da eigentlich tut). Das Mädchen und ihre winzige Kopie zeigten mir in den letzten fünf Wochen sehr deutlich, dass sowohl Übellaunigkeit als auch Sonnenscheinstimmung ansteckend ist und dass bereits Kleinigkeiten (ein freundliches Wort, eine kurze Umarmung) das Miteinander enorm beeinflussen.

kopieren

Egal was die Große (vor-)macht, der Kleine wird es auch tun.

Aufeinander einstimmen

Mir war es natürlich viel lieber, wenn der Bub klatschte und lachte, weil seine Schwester fröhlich sang, anstatt seine Stirn in Falten zu ziehen und mit ihr gemeinsam zu schmollen – das hinzubekommen war gar nicht so schwer.

Geschwister

Die Große macht Quatsch und der Kleine lacht sich kaputt.

Ich baute in unseren Tagesablauf viele Momente ein, in denen ich ganz bewusst für die beiden da war, in denen ich ihnen meine volle Aufmerksamkeit und meinen vollen Körpereinsatz schenkte. Wir lasen jeden Morgen und kuschelten zwischendurch. Ich bewunderte die Nestlinge beim Klettern und schaukelte sie manchmal gefühlte Ewigkeiten. Wir picknickten gemeinsam, während beide auf meinem Schoß saßen und überhaupt gab es viele, liebevolle Augenblicke zu dritt.

Wasser

Ich bei einer kleinen Wasserschlacht mit den Nestlingen.

Dafür ließen sie mir Zeit, wenn ich duschen oder kochen wollte. Ich durfte mich am Strand oft einfach in den Sand setzen oder zwischendurch sagen „Mir ist jetzt echt zu heiß zum Fangespielen!“, ganz einfach weil wir im Laufe der Zeit eine gute Balance zwischen „Mama-Zeit“ und Mama braucht jetzt eine Pause“ gefunden hatten.

Nestlinge

Hier habe ich die Nestlinge heimlich beim Spielen fotografiert, als ich in der Küche kochte.

Täglich Zoff

Das heißt nicht, dass wir hier eingebettet in Seifenblasen den ganzen Tag in vollendeter Harmonie von einer rosa Wolke zu nächsten hüpften. Nein, hier gab es weiterhin täglich Zoff und kleine Reibereien, allerdings änderte sich die Qualität unserer Auseinandersetzungen.

Hatte das Mädchen meine Grenze überschritten (besonders empfindlich reagierte ich beispielsweise, wenn die Kinder den Katzen am Schwanz zogen oder sie sich gegenseitig ärgerten), dann gab es ein kurzes, aber deutliches Donnerwetter. Ich weiß, dass bestimmte Dinge 1000 Mal ruhig wiederholt werden müssen, bevor es sich in den Köpfen der Kleinen verankert, aber wenn die Katze laut miaute oder einer sein Geschwister gerade von der Couch schubste, dann blieb keine Zeit für gefühlvolle Erklärungen, dann rief ich einfach laut und verständlich, dass jetzt Schluss ist.

Oliver

Die Nestlinge stürzten sich manchmal zu grob auf die Katzen, die sich (leider) kaum dagegen wehrten.

Doch weil sich mein „Gemotze“ weitestgehend auf wenige für sie nachvollziehbare Momente beschränkte, konnten wir nach meiner „Entladung“ ohne Umschweife wieder zur Tagesordnung übergehen. Im Gegenzug schimpfte das Mädchen deutlich weniger und ihre Wahrnehmung schien sich diesbezüglich auch zu verändern. Zumindest fragte sie mich am Ende des Tages häufig: „Mama ist dir eigentlich aufgefallen, dass ich heute nicht gemeckert habe?“

Achtsamkeit im Alltag

Was der Großen in vielen anderen „miesepetrigen“ Situationen half, war verbale Aufheiterung. Ich ließ sie beispielsweise wissen, wie sehr ich mich freue, dass sie mich so selbstverständlich unterstützt (mir z.B. an der U-Bahn die Notfalltür öffnet, weil ich mit dem Buggy nicht durchs Drehkreuz passe) oder dass ich ihre üble Laune absolut nachvollziehen kann (weil es zu heiß war, sie unausgeschlafen oder der Weg zum Ziel scheinbar endlos lang). Neben Verständnis und Zuspruch bewirkte aber auch nonverbale Kommunikation Wunder: Oft reichte ein Blick, ein Lächeln, eine kleine Umarmung und sie hörte auf zu grummeln.

Rollerpause

Die Nestlinge Arm an Arm bei einer „Rollerpause“.

Der Bub: Bester Seelentröster der Welt

Kam ich trotz aller Bemühungen nicht an das Mädchen ran, sprang der Kleine beherzt ein. Stand sie schmollend und weinend auf der Treppe, ging er zu ihr, hockt sich vor sie, legt den Kopf schief und die Hand auf ihren Arm. Er kann noch nicht viel reden, aber seine so putzige, nonverbale Kommunikation zeigte, dass es keiner Worte bedarf, weil jeder die Sprache des Herzens versteht.

lachen

Der Bub ist ein echter Clown und schafft es oft das Mädchen aufzumuntern, wenn sie schlecht gelaunt ist.

Das Mädchen: Beste große Schwester der Welt

Das Mädchen zeigt ihre Zuneigung ebenfalls gerne, allerdings auf eine etwas holprige und manchmal zu ruppige Art: Umarmte sie den Bub drückte sie oft zu fest zu oder sie warf ihn dabei aus Versehen zu Boden. In den letzten fünf Wochen gab es jedoch genug Gelegenheiten, in denen ich ihr sanftere Wege zeigen konnte, denn sie trägt ihren „Brudi“ so gerne oder nimmt ihn an die Hand, aber er hatte verständlicherweise Angst vor einem „Umfall“.

schaukeln

Die große Schwester im Einsatz. während ich auf der Bank verschnaufe.

Das Geschwistertraining verlief so gut, dass er nun begeistert „Noch Mal“ ruft, wenn sie ihn nach dem Tragen wieder absetzt, er vertrauensvoll ihre Hand greift, um mit ihr die Treppen hinunterzulaufen oder er sich geduldig von ihr im Buggy anschnallen lässt. Mir schmilzt in solchen Situationen natürlich mein Mama-Herz, aber auch das Mädchen ist unendlich stolz, schließlich will sie sich so gerne um ihren kleinen Bruder kümmern und da er sich nicht mehr wehrt, sondern ihre Fürsorge zulässt, fühlt sie sich wertvoll und wichtig für ihn.

Hand-halten

Die stolze, große Schwester mit dem „Brudi“ an der Hand.

„Halt ihn fest, Mama!“

Wie wichtig er für sie ist, fiel mir übrigens besonders an dem Tag auf, an dem wir in das furchtbare Unwetter geraten sind. Wir hatten unter einer Brücke Schutz vor der Regenwand gesucht und während wir auf das Ende des Regens warteten, wiederholte sie voller Angst, dass ich den Kleinen festhalten soll, damit er nicht wegkommt. Ihre aufrichtige Sorge berührte mich ungemein, weil ich so ihre tiefe Liebe für ihn spürte.

HAnd-Bub

„Sprich mit ihm, wenn Du etwas möchtest!“

Da wir nun jeden Tag aufeinander hingen und ich wirklich jede kleine Auseinandersetzung mitbekam, versuchte ich auch hier eine gute Balance zu finden zwischen „Ich lasse euch das selber klären, weil ihr bestimmt eine Lösung findet“ und „Ich greife jetzt lieber schnell ein“, vor allem wenn sie kurz davor waren sich die Köpfe einzuschlagen.

Eine banale, aber klassische Situation war der tägliche Streit um die Wasserflasche. Sobald der Bub zum Trinken ansetzte, fiel dem Mädchen ein, dass es kurz vor dem Verdursten war. Also riss sie ihm die Flasche einfach aus der Hand, woraufhin er mit Fäusten auf sie zuging und sie sich wiederum tatkräftig wehrte. Der Auftakt für eine handfeste Auseinandersetzung, ihr wisst schon.

Wasser

Der Bub und das Wasser…

Ich erinnerte sie deswegen täglich: „Sprich mit ihm, wenn Du etwas möchtest! Frage ihn, ob Du das Wasser haben darfst und dann warte einen Augenblick.“ Anfangs fand sie das voll doof und hatte keine Lust drauf. Aber als sie merkte, dass er eigentlich bereitwillig und gerne mit ihr teilt, fragte sie öfter.

Teilen

Teilen will geübt sein.

Brüderlich teilen

Doch nicht nur der Bub teilt gerne, auch das Mädchen bietet uns mittlerweile ihr Essen und Trinken an, was nicht immer so war. Kurz vor unserem Amerika-Trip beschwerte sie sich regelmäßig „Immer muss ich teilen!“, weil ihre kitzelige Freundin beispielsweise keine Geschwister hat und ihr Eis und ihre Süßigkeiten dementsprechend alleine essen durfte.

Diesen Satz bekam ich während der ganzen Ferien nicht mehr zu hören, im Gegenteil antwortete sie auf meine Frage „Gibst Du Deinem Brudi bitte auch was ab?“ stets mit „Ja, klar!“. Sie kloppten sich beide sogar fast darum, von wessen Eis ich zuerst probieren sollte (wenn sie denn mal beide ein eigenes hatten), ansonsten teilten sie ihren Proviant und ihre Naschereien immer geschwisterlich. Bei Spielzeug ging es weiterhin nicht immer so friedvoll zu, aber das dauert wahrscheinlich auch noch ein paar Jahre…

Eis

Eispause

Genau das richtige Alter für so einen Trip

Alles in allem war der Alltag mit beiden beeindruckend leicht und ich dachte mir so manches Mal, dass sie gerade wirklich das perfekte Reisealter für solche Trips haben. Mir wurde bewusst wie groß und selbstständig das Mädchen schon ist und dass ich mich unterwegs immer hundertprozentig auf sie verlassen kann. Sie wäre beispielsweise nie weggelaufen, deswegen ließ ich sie auch außerhalb meiner Sichtweite auf den immer eingezäunten, aber teils sehr riesigen Spielplätzen spielen und sie passte sogar auf ihren Bruder auf, wenn nötig (wenn ich z.B . mal fix auf Toilette musste). Den Bub konnte ich zwar keine Sekunde aus den Augen lassen, weil er gerne wegrannte oder einfach irgendwo drauf kletterte. Aber auch er ist schon so fit, mobil und selbstständig, dass er sich (unter meiner Beobachtung) frei auf den Spielplätzen bewegen und sein eigenes Ding machen konnte. Außerdem saß er unterwegs gerne im Buggy, was ich sehr zu schätzen wusste, weil ich ihn noch vor einem Jahr hätte überall hin tragen und die meiste Zeit auf dem Arm halten müssen.

ARm

Das Mädchen hebt ihren Bruder hoch, damit er die Tiere im Zoo besser sehen kann.

Kindergartenferien tun herrlich gut

Zwischendurch war das Mädchen etwas bedrückt: „Alle sprechen Englisch außer ich!“ und ich musste etwas Aufbauarbeit leisten, aber bis auf ihre „kitzelige Freundin“ und ihr Holzpferd „Flecki“ vermisste sie scheinbar nichts – vor allem nicht den Kindergarten.

Kindergartenfrei

Wasserschlacht am Trinkwasserbrunnen.

Eigentlich geht sie gerne in ihren Kindergarten und sie hat da auch zwei enge Freundinnen, aber Kindergarten ist ja nicht nur Freude und Spiel, sondern auch reichlich Stress für Kinder. Täglich prasseln viele Informationen und Reize auf sie ein, es geht laut, wild und manchmal auch recht chaotisch zu – all das muss verarbeitet und verdaut werden.

Noch bleiben uns 2,5 Wochen bis der Kindergarten wieder beginnt – sie hatte dann also insgesamt acht Wochen Pause – und allmählich stellt sich zwar eine leise Vorfreude ein, aber sie sagt noch immer: „Am meisten bin ich froh, dass ich nicht in den Kindergarten muss.“

Nestlinge-on-tour

Die Nestlinge on Tour.

Abrupte Entwöhnung in der Eifel

Direkt einen Tag nach unserer Ankunft in Deutschland sind wir weiter auf einen Reiterhof in die Eifel gefahren – diesen einwöchigen Urlaub hatten wir weit vor unseren Auswanderungsplänen gebucht – und das ist das absolute Kontrastprogramm. Nicht nur weil die lautesten Geräusche hier vom Hahn, vom Esel und dem ab und zu vorbeifahrenden Trecker kommen, sondern auch weil der Bub und ich hier nicht mehr viel vom Mädchen sehen. Sie hängt nämlich vorzugsweise in ihrer neuen „Gang“ ab und plant „Aktionen“.

Gang

Die wilde Mädchen-Gang hängt gerne stundenlang irgendwo im Bauernhofgelände ab.

Ich freue mich für sie, weil sie diese unbeobachteten Streifzüge durch die Natur mit ihren Mädels und das Gefühl von Freiheit sichtbar genießt, gleichzeitig ist es mir schwer ums Herz, weil sich das enge Band zu mir und ihrem Bruder mit einem Schlag lockerte.

Schlussgedanke

Die fünf innigen Wochen in New York legten wider Erwartens nicht unsere Nerven blank, sondern sie schweißten mich und die beiden Nestlinge ziemlich eng zusammen. Trotz Anfangsschwierigkeiten und manch brenzliger Situation erlebten wir drei einen wundervollen Sommer, den ich unter „extrem positiv gelaufen“ für mich abgespeichert habe.

Jetzt bin ich zugegeben etwas wehmütig, weil ich mich zunächst daran gewöhnen muss, dass diese besondere Zeit vorbei ist und das Mädchen wieder vorrangig ihren eigenen Weg gehen wird. Aber unser Sommer war so herrlich intensiv, dass ich noch lange davon zehren werde und sie nun mit einem zuversichtlichen Gefühl ziehen lassen kann. Außerdem ist da ja noch der Bub, der sich über mein volles Augenmerk freut und es wird ja auch weiterhin kleine, tiefe Momente zu dritt geben.

Newsletter Kathrin

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  • Jana

    Ein schöner Beitrag, der zum Nachdenken anregt. Vor allem die Fragen: Was braucht es, damit es Tochter oder mir besser geht.
    Danke.