Kindergarten U3 – Teil 1: Vorstellung gegen Realität

Kathrin Erfahrungen 3 Kommentare

Bereits im April hatten wir einen Kindergartenplatz für unsere jetzt 14 Monate alte Tochter ergattert. Irgendwie ein großes Glück, schließlich sind Betreuungsangebote für unter 3jährige rar gesät, doch je näher der September und somit die Eingewöhnung rückte, desto mulmiger wurde das Gefühl in meinem Bauch…

Ein Blick in meine Vergangenheit

Ich wurde in der ehemaligen DDR geboren und bin dort auch aufgewachsen. In meiner Erinnerung arbeiteten alle Mütter und Babys wurden in sogenannten Kinderkrippen ganztags betreut. Das schien völlig normal und gut zu sein. Heute weiß ich, dass Frauen verpflichtet waren ihren Beruf schnell wieder aufzunehmen, es sei denn es gab keinen Krippenplatz, aber das war eher eine Seltenheit.[1] Mütter wurden also gezwungen ihre Kinder früh abzugeben, ob sie wollten oder nicht. Frauen standen so dem Staat recht schnell (manchmal schon nach 5-6 Monaten) als Arbeitskraft zur Verfügung und der leicht manipulierbare Nachwuchs konnte „ideologisch nach sozialistischem Bilde geformt und geprägt werden.“[2] Ob das auch im Sinne der Mütter und Kinder war, bleibt fraglich. Zumindest wurde – wie so oft in der DDR – nicht öffentlich darüber gesprochen, wenn es doch eine Belastung darstellte.

Derartig beeinflusst – ich bin natürlich auch in den Kindergarten gegangen (worden) – formten sich unbewusst klare Vorstellungen von mir als Mutter: ich würde Kinder bekommen UND an meiner Karriere als Glasrestauratorin feilen, was sonst. Dank meiner Prägung, hielt ich frühe Fremdbetreuung für das Normalste der Welt. Ich bin nicht einen Augenblick auf die Idee gekommen, dass es nicht gut sein könnte. Noch während der Schwangerschaft behauptete ich kühn, dass ich meine Selbstständigkeit schnell wieder aufnehmen würde, doch die Realität sah völlig anders aus.

Realitätscheck: Leben mit Kind

Ich hatte vor der Geburt nicht den blassesten Schimmer, was es heißt, sich um ein Kind zu kümmern. Ich dachte ernsthaft, dass Babys den ganzen Tag schlafen und sich das bisschen Haushalt irgendwie nebenbei erledigen lässt. Auf einmal wurde ich mit einem 24 Stunden Job konfrontiert und fiel aus allen Wolken, als ich regelmäßig Nachtschichten schieben musste und am Tage nicht mal mehr in Ruhe Zähneputzen konnte. Wie sollte ich unter diesen Umständen zusätzlich arbeiten gehen? Außerdem unterschätzte ich Muttergefühle gewaltig!! Frauen mit eigenen Kindern wissen wahrscheinlich wovon ich spreche, allen Anderen werde ich es mit Worten allein nicht erklären können. Das eigene Kind schreiend bei Fremden zurückzulassen, ist jedenfalls eine Hürde, die ich nicht meistern möchte. Tja, und zu guter Letzt ist mir in den letzten Monaten zunehmend bewusst geworden, dass unter einer frühen Trennung für viele Stunden am Tag, entgegen aller Behauptungen, die Kinder am meisten leiden.

Langsames Loslösen

Unser Mädchen ist nun 14 Monate alt und blieb von Anfang an nur sehr ungern bei anderen Personen. Eine Ursache dafür ist offensichtlich: Thomas und ich ziehen sie weitestgehend alleine auf. Nicht weil es unser ausdrücklicher Wunsch ist, die äußeren Umstände verlangen es so. Meine Familie wohnt 700km weit weg. Thomas Eltern sehen wir zwar jede Woche für einige Stunden (Beide sind berufstätig), aber die traditionelle Erziehungsform, eingebunden in eine Großfamilie, ersetzt das natürlich nicht. Es fehlt der tägliche Kontakt zu anderen vertrauten Bezugspersonen, unser Mädchen ist fixiert auf Thomas und mich. Da half es auch wenig, regelmäßig Freundinnen mit ihren Kindern zu treffen, wie ich es häufig praktiziert habe.

Zudem habe ich sie nach Bedarf gestillt und stille sie auch immer noch. Meine Beobachtungen zeigen, dass sich Flaschenkinder weitaus leichter und schneller von ihren Müttern lösen, als es bei Stillkindern der Fall ist. Unser Mädchen ist sehr anhänglich und ihre „Fremdelphase“ stark ausgeprägt. „Eine völlig normale und gesunde Reaktion“, so die beruhigende Aussage unserer Kinderärztin. Wir probierten immer wieder unser Mädchen bei anderen, uns vertrauten Personen zu lassen, aber mehr als wenige Minuten ohne Mama oder Papa ließ sie nicht zu. Das wiederum bestärkte meinen Eindruck, dass sie besonders sensibel ist und viel Sicherheit benötigt. Diese Sicherheit haben Thomas und ich ihr gegeben, indem wir stets für sie da waren und sie nie gezwungen haben bei „Fremden“ zu bleiben. Wir hielten es für falsch, sie gegen ihren Willen abzugeben. Mittlerweile hat sie Vertrauen zu wenigen auserwählten Menschen, z.B. der Oma, und schafft es immer öfter sich von ihnen bespaßen und trösten zu lassen, auch wenn ich nicht dabei bin. So entfernt sie sich Stück für Stück von uns, und zwar so schnell (oder langsam) und so weit, wie es ihr behagt.[3]

Ein Kind – (noch) keine Karriere

Nach ein paar Monaten in unserem neuen Leben kam ich schnell zu der Erkenntnis, dass ich es nicht schaffe, mich ausreichend um unsere Tochter und um Glasgemälde zu kümmern. Beide Gebiete fordern meine vollste Aufmerksamkeit, Konzentration und vor allen Dingen viel Zeit. Eines von Beiden würde auf der Strecke bleiben. Also sortierte ich die Prioritätenliste und rückte unser Mädchen, ohne lange darüber nachzudenken, an oberste Stelle. Mein Beruf kann warten, aber sie wird mich nie wieder so dringend brauchen wie in ihren ersten Lebensjahren. Ich werde mich dem Arbeitsleben noch jahrelang entspannt widmen können, wenn ich sicher weiß, dass sie nicht mehr in dem Ausmaß auf mich angewiesen ist und gerne (oder vielleicht auch lieber) bei anderen Menschen bleibt.

Ein bisschen Kindergarten

Immer für ein Kind da zu sein, ist eine große Herausforderung. Kinder ohne soziales Netzwerk (z.B. mehrere Generationen unter einem Dach) aufzuziehen fast unmöglich. Wir gerieten mit unserer Art der bedürfnisorientierten Erziehung oft an unsere Grenzen. Unser Mädchen in den Kindergarten zu geben schien uns daher eine gute Lösung, da sie mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt: wir gewinnen etwas Zeit für uns und sie erhält die Möglichkeit sich unter Gleichaltrigen auszutoben.

Unser Mädchen schon mit 12 Monaten in den Kindergarten zu geben, kam für uns allerdings nicht in Frage. Einjährige sind unfassbar klein und unselbstständig. Unser Mädchen war zu diesem Zeitpunkt am Liebsten bei Mama oder Papa und wir brachten es nicht übers Herz sie so zeitig abzugeben. Zum Glück mussten wir es auch nicht.

Ob sie jetzt mit 14 Monaten schon soweit ist, sich fremden Betreuern anzuvertrauen, ist ungewiss. Im Moment ist uns noch nicht einmal klar, ob Einrichtungen wie Kindergärten tatsächlich schon für „Kleinstkinder“ geeignet sind. Im nächsten Artikel gehe ich ausführlich auf die Vor- und Nachteile von U3 Kindergärten ein, da in unserer Gesellschaft selten die negativen Konsequenzen von früher Fremdbetreuung öffentlich benannt werden.

 

Unser Mädchen an ihrem 1. Geburtstag

 

Footnotes    (↵ returns to text)
  1. Götze, Hanne: Kinder brauchen Mütter, S. 16.
  2. Götze, Hanne: Kinder brauchen Mütter, S. 100.
  3. Götze, Hanne: Kinder brauchen Mütter, S. 98: „Wie weit ein Kind sich von sich aus von seiner Mutter entfernt, unterliegt […] einer allmählichen Entwicklung und ist stark altersabhängig. […] Erst nach etwa dem dritten Geburtstag kann das Kind seelisch begreifen, dass Mama auch dann da ist (bzw. für es sorgen wird), wenn sie gerade nicht zu sehen ist.

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