Irrtümer rund ums Stillen

Kathrin Stillen 13 Kommentare

Stillende Mütter werden immer wieder mit Ammenmärchen konfrontiert. An dieser Stelle liste ich die häufigsten Irrglauben auf:

1. Die Trinkmenge der Mutter beeinflusst die Milchmenge

Weder die Trinkmenge noch die Art des Getränkes beeinflussen die Milchmenge, es ist also nicht nötig literweise Malzbier oder Stilltee zu trinken – es sei denn es schmeckt euch. Die Milchmenge wird nur durch korrektes und häufiges Anlegen (Stillen nach Bedarf) bestimmt. Wenn ihr dennoch das Gefühl habt, eure Milch reicht nicht aus, wendet euch bitte an eine Stillberaterin.

2. Eine Stillende muss für zwei essen

Der Kalorienbedarf in der Stillzeit ist tatsächlich erhöht (um ca. 400-500 Kalorien), verdoppelt sich aber nicht. Ein halber Liter Malzbier hat beispielsweise ca. 200 Kalorien, eine Tafel Schokolade ca. 500 Kalorien. Ihr könnt euch vorstellen, wohin das regelmäßige Verputzen von zwei Portionen führt. Deswegen gilt – für die Schwangerschaft, wie auch die Stillzeit – auf gesunde, ausgewogene Ernährung zu achten und bei knurrendem Magen zwischen den Hauptmahlzeiten für leichte Snacks zu sorgen.

3. Bestimmte Lebensmittel dürfen nicht gegessen werden

Die Liste der Lebensmittel, die stillende Frauen meiden sollen, ist lang. In Wirklichkeit gibt es keinen Grund von vornherein bestimmte Lebensmittel zu vermeiden bzw. zu bevorzugen. Esst, was euch schmeckt und worauf ihr Lust habt. Sollte euer Kind tatsächlich auf ein Nahrungsmittel reagieren, könnt ihr dieses immer noch von eurem Still-Speiseplan streichen.

4. Frauen mit kleiner Brust haben weniger Milch

Gut ausgebildetes Brustdrüsengewebe und ausreichende Hormone entscheiden über die Milchproduktion – die Größe der Brust spielt dabei keine Rolle. „Selbst ein Mückenstich kann stillen“, so das Zitat meines Frauenarztes und Recht hat er.

5. Stillen ist schmerzhaft

Stillen kann sich in den ersten Tagen unangenehm anfühlen, wenn beispielsweise die Brüste beim Milcheinschuss spannen oder die Brustwarzen (noch) sehr empfindlich sind. Stillen sollte jedoch niemals Schmerzen bereiten. Falls doch, bitte an eine Hebamme oder Stillberaterin wenden, damit die Ursachen der Schmerzen geklärt werden können.

Mögliche Gründe für Schmerzen beim Stillen:

  • Falsches Anlegen
  • Falsche Trinktechnik
  • Unbequeme Stillposition
  • Schmerzhafter Milchspendereflex
  • Milcheinschuss
  • Milchstau
  • Mastitis
  • Wunde Brustwarzen
  • Pilzinfektionen

6. Stillen führt zu Haarausfall

Hormonumstellungen können nach der Geburt zu Haarausfall führen. Das jedoch kann stillende Frauen genauso treffen wie Mütter von Flaschenkindern.

7. Muttermilch ist zu dünn/ nicht nahrhaft

Ja, Muttermilch ist sehr dünnflüssig, aber sie enthält pro 100g circa 70 kcal und 4g Fett.
Die Konsistenz von Karottenbrei z.B. ist zwar wesentlich dicker, jedoch liefern gekochte Möhren lediglich 27 kcal (0,22 g Fett)! Wenn wir also, wie empfohlen, ab dem 4. Monat die Stillmahlzeit am Mittag durch Karottenbrei ersetzen, wird die Kalorienzufuhr bei gleicher Menge um mehr als die Hälfte reduziert. Muttermilch ist also nicht nur nahrhafter in Hinsicht auf Eiweiß, Fett und Kohlenhydraten, sondern liefert gleichzeitig eine große Palette an Vitaminen, Mineralien und Abwehrstoffen. Diesen und mehr anregende Fakten zum Mythos Muttermilch liefert Dr. Carlos Gonzales in Mein Kind will nicht essen.

8. Ich muss beide Brüste anbieten, sonst droht Milchstau

Es ist wichtiger sich vom Baby führen zu lassen, als Regeln einzuhalten. Der weibliche Körper ist so intelligent, dass er sich automatisch an die Gewohnheiten des trinkenden Babys anpassen wird, egal ob es beide Brüste bevorzugt oder lediglich an einer trinken will. Milchstau liegen andere Ursachen zu Grunde, zB. Stress oder ineffektives Saugverhalten. In solchen Fällen bitte eine Stillberaterin kontaktieren!

9. Ich muss eine Stillpause von mindestens zwei Stunden einlegen, sonst bekommt mein Baby Blähungen

In den 20iger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts wurde die These von den „Ruhepausen für den Magen“ des Kindes sehr populär (Eva Herman, Vom Glück des Stillens). Es wurde angenommen, dass die Milch im Magen sauer wird und erst nach mindestens zwei Stunden verdaut ist. Wird das Kind demzufolge zu früh gestillt, sorgt die Mischung aus alter und neuer Milch für Bauchschmerzen.
Heute wissen wir, dass das falsch ist. Zu häufiges Stillen verursacht weder Magenkrämpfe noch Blähungen.

10. Baby muss mindestens 10 Minuten gestillt werden, um satt zu sein

Babys sollten ausschließlich nach Bedarf und nicht nach Stechuhr gestillt werden. Es gibt Schnelltrinker, die es schaffen innerhalb von 5-6 Minuten eine Brust zu leeren und Genießer, die 20 Minuten und länger stillen. Lasst eure Babys machen und vertraut ihnen, denn sie wissen, wie viel (oder wie wenig) Milch sie brauchen.

11. Mit Abendbrei schlafen Babys durch

Das Durchschlafen ist ein Reifeprozess, der sich individuell und unabhängig von der Nahrung entwickelt (siehe auch „Warum Babys nicht durchschlafen„). Außerdem wachen Kinder nachts nicht nur auf, weil sie Hunger haben, sondern auch weil sie uns brauchen. Stillen ermöglicht es, Hunger und das Bedürfnis nach Nähe zu erfüllen, falls das Baby aufwacht. Obendrein hilft es Kindern schnell wieder in den Schlaf zu finden.

12. Wenn das Baby oder die Mutter krank ist, nicht stillen

Nur wenige Erkrankungen, wie Aids, erfordern tatsächlich das Abstillen. Bei gewöhnlichen Infektionskrankheiten, wie Erkältung oder Magen-Darm-Grippe gibt es keinen Grund das Stillen zu unterlassen (siehe auch „Stillen im Krankheitsfall„).

13. Spätestens, wenn die ersten Zähne kommen, braucht das Baby feste Nahrung

Einige Babys werden schon mit Zähnen geboren, während andere erst nach dem ersten Geburtstag den ersten Zahn bekommen. Das Durchbrechen der Zähne sollte kein Startschuss für das Einführen der Beikost sein. Wann euer Kind bereit für feste Nahrung ist, könnt ihr in meinem Artikel „Beikost für Stillkinder“ nachlesen.

14. Ein Stillkind benötigt bei Hitze zusätzliche Flüssigkeit

Ein gesundes, voll gestilltes Kind braucht weder Tee noch Wasser. Erst mit der Einführung der Beikost, sollte zusätzliche Flüssigkeit (am besten nur Wasser) angeboten werden.

15. Stillen verursacht schlaffe Brüste

Ob eine Frau Hängebrüste bekommt, hängt von ihrer genetischen Veranlagung ab. Schwangerschaften (die Hormonumstellung) und das Alter verändern die das Aussehen und die Form der Brüste – unabhängig davon, ob eine Frau stillt oder nicht.

16. Nächtliches Stillen führt zu Karies

Weder Langzeitstillen noch nächtliches Stillen führen zu Karies. „Muttermilch kommt beim Stillen kaum mit den ersten Zähnchen in Berührung. Die Muttermilch umspült bei korrekter Stilllage die Milchzähne nicht, sondern erreicht den Mundraum erst kurz vor dem Rachen und wandert dann weiter in den Verdauungstrakt. Ein Kariesrisiko besteht erst dann, wenn wenn Zucker aus der Nahrung und Bakterien (Streptokokkus mutans) hinzukommen!“
(siehe „Kariesentstehung im Säuglingsalter„)

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  • Anne

    Hallo liebe Kathrin
    Ich habe noch etwas gefunden:
    http://www.rabeneltern.org/index.php/in-den-schlaf-stillen-ist-schaedlich

    Würd ja auch immer wieder hartnäckig behauptet!!
    Schade, dass alle Dinge die für Kind und Mutter so schön sind von anderen so „verteufelt“ werden.

    Sonnige Grüße!
    Anne

  • Eine wunderbare Liste, vielen Dank, ich glaube kein Punkt fehlt.

    lg Dominik

  • Name

    Super Liste und super Seite insgesamt!
    Ich fühle mich verstanden, unterstützt u bestätigt!
    Daumen hoch!!

  • Linde

    Ach warum hab ich deine Seite nicht schon Eher gefunden.
    Ich hatte so eine schlimme zeit beim stillen. Soviele redeten auf mich ein nur noch Flasche zugeben. (Der kleine hatte Probleme mit meiner Brustwarze.)
    Hätte ich bloß nie aufgegeben. Es war eine so schöne zeit, auch wenn es schwierig war.
    Aber man wird zu schnell ins zufüttern gedrängt. Und selbst in einem stillfreundlichen Krankenhaus links liegen gelassen.

    Ich beneide dich so. Will auch !! :'(

  • Sina (Mami0813)

    Hallöchen

    ich habe hier etwas für dich, um deine Liste noch zu erweitern 😉

    http://stillpraxis.de/irrtumer-rund-ums-stillen

    Liebe Grüße

    aus der Schwäbschen Alb

  • Sita

    Schöne Webseite! Ein Punkt der mir noch zu diesem Thema einfällt wäre, der Mythos dass das Stillen die Brüste hängen lässt. Ich habe von ganz vielen Frauen gehört, dass sie deshalb nicht stillen, weil sie Angst davor haben. Fakt ist, dass die Brüste schon in der Schwangerschaft wachsen und das dies die Änderung herbei ruft, ob man also stillt oder nicht ist diesbezüglich egal.

    • Danke für den Hinweis, Sita. Das stimmt absolut – ich werde das in Kürze mit in die Liste aufnehmen!
      LG Kathrin

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  • Martina

    Hallo Kathrin,
    danke für diese tolle Liste!
    Ich habe hier noch etwas, um Deine Liste zu erweitern:
    https://medela-blog.de/was-ist-beim-stillen-normal/
    Grüße aus München
    Martina