Albträume bei Kindern: „Mama ich träume immer, dass Du brennst!“

Kathrin Familie 4 Kommentare

Bereits vor unserem Umzug nach New York hatte das Mädchen (6 Jahre) gelegentlich Albträume. Als wir in Amerika angekommen waren, verkürzten sich die Abstände der schlechten Träume. Sie wachte fast jede Nacht weinend auf, manchmal schrie sie laut oder trat um sich, bis sie merkte dass sie in der Realität angekommen und sicher war.

Der Inhalt war stets der Gleiche: „Mama, ich träume immer, dass Du brennst! Du liegst in unserem Haus, überall sind Flammen, aber wir können Dich nicht retten!“

Einerseits beunruhigte mich die Tatsache, dass sie in solch enormer Regelmäßigkeit schlecht träumte. Andererseits war ich erschüttert, dass es solch ein furchtbarer Albtraum war und ich die Hauptrolle spielte. Was war die Ursache? Konnte ich ihr irgendwie helfen?

Woher kommen Albträume?

Ich kann mich noch gut an die Albträume meiner eigenen Kindheit erinnern und an meine Angst wieder einzuschlafen und den gleichen Monstern erneut zu begegnen. Als ich so alt war wie sie, bin ich ebenfalls mit meiner Familie umgezogen und träumte interessanterweise auch einen immer wiederkehrenden, schrecklichen Traum von meiner geliebten, sieben Jahre ältere Schwester.

Die Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) informiert, dass „etwa jedes zweite Kind im Alter zwischen zwei und zehn Jahren irgendwann einmal an Albträumen leidet; am häufigsten treten Albträume in der Vorschulzeit auf und lassen dann wieder nach.“

Die BZgA informiert weiterhin: „Von den Schlafstörungen sind Albträume diejenigen, bei denen am ehesten ein Zusammenhang mit akuten oder chronischen Belastungen besteht. So sind die Ursachen für einen Albtraum denn auch häufig in sehr intensiven oder beängstigenden Tageseindrücken zu suchen, die das Kind überfordern. Hierzu zählt auch ein übermäßiger und nicht kindgerechter Fernsehkonsum.“

Was bedeutet der Traum?

Intensive Tageseindrücke begleiteten das Mädchen schon seit einigen Monaten. Bereits Wochen vor unserer Auswanderung im Juni stand ihre kleine Welt Kopf, da sie mitbekam, wie wir den Umzug vorbereiteten und sich das Haus allmählich leerte. Doch warum häuften sich die Albträume plötzlich? Was genau konnte ihr Unterbewusstsein nicht gut verarbeiten?

Im Internet suchte ich zunächst nach Traumdeutungsansätzen (die mir bei meinen eigenen, teils seltsamen Träumen manchmal einen Hinweis geben) und ich wurde fündig:

Feuer

Angst vor einer neuen einer neuen Lebensphase

Brand

Assoziation: Schwierigkeiten, die viel Energie verzehren.

„Ein brennender Gegenstand könnte auch die Zerstörung oder den Verlust von etwas versinnbildlichen. Oder die Angst davor, einen Verlust erleiden zu müssen, ohne dagegen etwas unternehmen zu können.

Brandträume sind im Gegensatz zu Träumen von Feuer immer ein Gleichnis von der Gefahr, die uns oder unsere Lieben bedroht. Man sollte in diesem Fall einmal Gefühls- und Gewissensforschung betreiben, um einen möglichen seelischen Brandherd aufzuspüren und danach das Wiederaufbauen verlorener Substanz zu versuchen.“
(siehe „Traumsymbol Brand„)

Mutter

„Besonders interessant wird es, wenn die Mutter ein Traumsymbol ist, welches wieder und wieder auftaucht. Ist das der Fall, kann dies auf seelisches Ungleichgewicht, eine innere Unsicherheit oder Unselbstständigkeit, die den Träumenden ganz bewusst oder unbewusst plagt, hindeuten. Mutterträume symbolisieren stets tiefgreifende Emotionen, die das Unterbewusstsein verarbeitet. Viele Träumende sehnen sich in diesen Fällen auch häufig nach emotionaler Ausgeglichenheit. 

Stirbt die Mutter im Traum, ist der Träumende von Kummer und Sorgen geplagt.“
(siehe „Traumsymbol Mutter„)

Deutungsversuche und Hintergrund

Als ich die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten las, kristallisierten sich für mich zwei große Problemfelder heraus. Das eine war ganz klar der Umzug und damit verbunden der Verlust von ihrer gewohnten Umgebung, inklusive Freunde und Familie. Das andere war augenscheinlich die Angst, mich zu verlieren.

Bereits seit der Geburt des Buben gab es immer wieder Phasen, in denen sie Verlustängste plagten. Sie hatte ziemlich daran zu knabbern, als ihr Bruder plötzlich da und sie eine große Schwester war. Dass sie mich nicht mehr ganz für sich alleine hatte und öfter zurückstecken musste.

Sie sagt mir nicht selten, dass sie lieber ein Einzelkind wäre und tatsächlich hatte ich zeitweise das Gefühl, dass sie kein Geschwisterkind „gebraucht“ hätte. Bitte nicht falsch verstehen, sie hat eine Menge Spaß mit ihrem Bruder und die beiden spielen sehr oft richtig gut miteinander. Zumindest mittlerweile. Aber sie ist keine „bemutternde“ Schwester, die sich sofort freudig auf ihn gestürzt hat – im Gegenteil sie hat sogar geweint, als sie ihm zum ersten Mal begegnet ist. Und es gibt viele Situationen, in denen sie lieber Zeit ganz allein mit mir verbringen und den Brudi am liebsten auf den Mond schicken würde.

Geschwisterliebe

Das Problem ist, dass ich sie sehr gut verstehen, aber leider selten etwas an der Tatsache ändern kann, dass sie mich teilen bzw. zurückstecken muss. Schon in Deutschland war es schwierig, ihr exklusive „Mama-Zeit“ zu schenken, doch hier in Amerika (ohne Oma und Freunde) ist es nahezu unmöglich. Lese ich ein Buch mit ihr, brabbelt der Bub dazwischen. Baut sie Lego, zerstört er ihre Kreationen noch bevor ich Luft holen kann. Kuschle ich nur mit ihr alleine, hüpft er mit vollem Körpereinsatz auf uns beiden herum. Das ist alles andere als schön.

Wie kann ich ihr helfen?

Ich wollte, dass ihre Albträume verschwinden und gleichzeitig unser Band wieder fester knüpfen. Denn an irgendeiner Stelle hatten sich Unsicherheiten bei ihr eingeschlichen und ich wollte nichts mehr, als dass sie sich meiner Liebe sicher war. Ganz sicher.

Hinweis: „Du kümmerst Dich nur um ihn!“

Irgendwann im Frühjahr 2017 hatte sie mir mal an den Kopf geknallt, dass ich mich mehr um ihren Bruder kümmere, als um sie. Damals war ich ziemlich überrascht, aber auch froh, weil sie zum ersten Mal ihre Eifersucht offen angesprochen hatte. Sie mich endlich wissen, was sie konkret störte. „Er darf immer an Deiner Brust trinken – ich will auch!“ „Du trägst ihn immer und ich muss laufen“ „Du hast ihn lieber als mich“

Damals schon reagierte ich entsprechend mit mehr Aufmerksamkeit und nun bei ihren Albträumen setzte ich erneut an dieser Stelle an.

Fotoerinnerungen: „Genau so habe ich mich um Dich gekümmert!“

Ich schaute zunächst alte Fotos mit ihr an. Bilder auf denen sie so alt war wie der Bub heute und auf denen ich sie stillte, trug und kuschelte. Das waren sehr innige Momente, in denen sie mir viele Fragen über sich als Baby und Kleinkind stellte.

Stillen-kleinkind

Es ist verblüffend und traurig zugleich, dass sie sich an all das nicht mehr erinnern kann. Obwohl zugegebenermaßen auch meine Erinnerungen an diese Phase stark verblichen sind. Ich nahm es jedenfalls als Zeichen für mich, dieses Ritual nun öfter zu wiederholen, damit unsere sehr nahe Zeit zu Zweit durch die Fotos und meine Erzählungen in unseren Köpfen bleibt.

Nestling

Schmuseeinheiten: „Ich will auch Wapu trinken!“

Am meisten nervt(e) sie, dass der Bub gestillt wird und sie nicht. Basierend auf einem Versprecher meinerseits heißt das Stillen bei uns übrigens „Wapu trinken“ und genau das forderte sie vehement ein. Nicht Willens sie wieder zu stillen, hakte ich nach, was ihr genau daran fehle und sie antwortete: „Deine Nähe und das lieb-warme Kuscheln!“

Daraufhin schlug ich ihr „Wapu-Kuscheln“ vor. Also dass ich mir bei diesem Stichwort nur für sie Zeit nehme und sie fest drücke und herze, solange sie mag. Der Vorschlag gefiel ihr gut und sie setzte ihn von da an gerne um. Ich versuche bei ihrem „Kommando“ alles stehen und liegen zu lassen, um sie in meine Arme zu schließen. Dabei wird mir regelmäßig bewusst, dass wir tatsächlich deutlich weniger schmusen, als ich mit dem Bub.

Hilfe bei Albträumen: „Kannst Du den Traum für mich malen?“

Dem Mädchen meine körperliche Nähe anzubieten, erschien mir bei der hohen Frequenz und der Heftigkeit ihrer Albträume nicht genug. Deswegen suchte ich weiter nach Lösungsansätzen und stieß auf diesen Tipp von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung:

„Schlaftherapeuten haben die Erfahrung gemacht, dass es hilfreich sein kann, wenn man Kinder die Figuren aus ihren Träumen malen lässt und sie somit „fassbar“ macht. Die Kinder sollen sich dann für das Erlebnis im Traum einen neuen, guten Ausgang überlegen.“

Alptraeume-kinder

Sie kam meiner Bitte, den Traum zu malen ohne zu Zögern nach und ich war ziemlich überrascht über ihre Zeichnung. Zuerst hatte sie mich gemalt. Ich liege waagerecht in diesem „Kasten“ und meine Beine schauen rechts raus. Ich fragte: „Bin ich eingesperrt?“ Sie antwortete: „Ja, so richtig eingesperrt. Du kannst da nicht mehr weg!“

Albtraeume-Kinder

Dann malte sie den Bub direkt neben mich und sich selbst als dritte Person. Während sie malte, sagte sie „Wir sind alle traurig und weinen. Wir wollen Dir helfen, aber wissen nicht wie!“ Das Männchen ganz rechts auf dem Bild ist übrigens Thomas. Der sitzt auf dem Klo und lacht (aber sie selbst war zu diesem Zeitpunkt auch schon wieder zu Scherzen aufgelegt) :)

Nachdem sie fertig war, fragte ich sie, was oder wer uns denn in dieser Situation helfen könne. Wer in der Lage sein könnte, diesen Brand zu löschen. Sie überlegte und sagte „Die Feuerwehr!“ Und daraufhin malten wir gemeinsam das helfende Feuerwehrauto ins Bild.

Albtraeume

Keine Albträume mehr!

Unglaublicherweise hatte das Mädchen nach unserer fotografischen Zeitreise in die Vergangenheit und der Malaktion keine Albträume mehr. Entweder wären sie so oder so zu diesem Zeitpunkt von alleine verschwunden oder das intensive Auseinandersetzen mit der Thematik war für uns die richtige Lösung. Ich bin jedenfalls glücklich und beruhigt, dass sie nachts nicht mehr leiden muss.

An dieser Stelle würde mich interessieren, ob jemand von Euch Erfahrungen mit häufig wiederkehrenden Albträumen bei Kindern gesammelt hat und wie ihr damit umgegangen seid. Konntet Ihr Eurem Nestling helfen? Und wenn ja womit?

Eure Kathrin

Newsletter Kathrin

Ich bin überglücklich, dich auf diesem Wege mit Neuigkeiten und kleinen Aufmerksamkeiten versorgen zu dürfen. Trage dich in den Nestling Newsletter ein.



Teile den Artikel
  • Corinna Schley

    Ich finde diesen Beitrag richtig toll. Gibt mir gerade sehr viel Stoff zum Nachdenken. Wir stecken derzeit in ähnlichen Situationen. Unsere Tochter (2 Jahre und 9 Monate alt) träumt nachts auch sehr viel und sehr stark. Allerdings kann sie ihre Träume noch nicht beschreiben. Aber sie spricht oft Worte wie „Nein“ oder „will nicht“ oder die weint einfach mehrfach nachts auf. Da sie im Familienbett schläft, ist es für mich zur Zeit sehr anstrengend, weil ich jedes mal hochschrecke und irgendwann am sehr frühen Morgen auch nicht mehr einschlafen kann. Bin schon völlig gerädert und mein Mann hat sich schon ins Gästezimmer verkrochen. Was kann das bei ihr denn sein ? Ist das nur eine Phase ? Wie kann ich ihr helfen ? Ich muss dazu sagen, sie ist in ihrer geistigen Entwicklung sehr weit. Sie quatscht wie ein Wasserfall und führt richtige Dialoge mit uns.

    • Hanna Leutner

      Bei uns exakt das Gleiche wie bei Corinna! Bin (2,5 Jahre) Trauung auch so intensiv mit Nein schreien…Geschwisterchen ist 5 Monate alt. Nach seiner Geburt hatte er auch den Nachtscheck. Den könnten wir erfolgreich homöopathisch behandeln. Die Alpträume sind geblieben…

    • Kathrin Szabó

      Hallo Hanna,

      ich frage mich gerade, ob Eure Kinder benennen können, wovon sie träumen? Wahrscheinlich nicht, oder? In jedem Fall hilft intensiver Körperkontakt und Trost, also das Wissen, dass jemand da ist und sie auffängt. Ansonsten würde ich erst weiter beobachten (beim Mädchen ging das Ganze etwa 2 Monate lang, wobei die Phase, in der sie nächtlich schlecht träumte „nur“ zwei Wochen dauerte). Manchmal legt es sich von alleine. Das wünsche ich euch von ganzem Herzen!

      LG
      Kathrin

    • Kathrin Szabó

      Liebe Corinna,

      ist es jede Nacht so schlimm bei Euch? Der Bub ( 2 Jahre 10 Monate) hat auch häufiger kurze, aber offensichtlich „schreckliche“ Traumsequenzen, in denen er sogar laut „No! No!“ ruft. Für so kleine Knöpfe habe ich leider überhaupt keine Lösung, sie begreifen ja kaum den Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit. Dennoch versuche ich mit dem Bub darüber zu reden und wenn Deine Kleine schon richtig quatscht, ist ihre Auffassungsgabe wahrscheinlich recht gut. Und etwas mehr Aufmerksamkeit und Kuscheln am Tag kann ja auch nicht schaden 😉

      Im Zweifelsfall würde ich den Kinderarzt zu Rate ziehen. Vielleicht fällt dem noch etwas Gutes ein?!

      Ganz liebe Grüße und viel Kraft,
      Kathrin